Mitte der 1990er Jahre kümmerte ich mich um die digitale Revolution. Damals war Sony ein sehr cooles Unternehmen – wie Apple heute – und der Chef Nobuyuki Idei eine Art Tim Cook seiner Zeit. Ich hatte ihn in Japan kennengelernt, er war anders als die sehr traditionsbewussten Manager dort, hatte in Amerika gelebt, sprach ausgezeichnet Englisch, ein Mann von Welt.

Wir verabredeten ein Interview, wenn er nach Europa käme, und als es so weit war, lud Sony mich zum Gespräch nach Schottland ein. Dort, in dem berühmten Resort Gleneagles, tagte das Management des Konzerns, dort sollte an einem Frühlingsmorgen um acht Uhr das Gespräch beginnen.

Ich sagte dem Londoner Korrespondenten Thomas Fischermann Bescheid, wir fuhren zusammen nach Schottland und standen am nächsten Morgen in der Eingangshalle des Gleneagles: zwei junge, eifrige ZEIT-Autoren, munitioniert mit kritischen Fragen.

Kaum hatten wir uns an der Rezeption gemeldet, kam Nobuyuki Idei durch die Eingangshalle, der Hemdkragen zwei Knöpfe weit offen, Jackett über die Schulter geworfen, links und rechts eine helfende und – wie es schien – stützende Hand. Unsere Grüße blieben unerwidert. Bald kam die Dame von der Kommunikation und führte uns in den Salon, in dem das Interview stattfinden sollte. Wir nahmen Platz, der Europachef von Sony verwickelte uns in ein Gespräch.

Fünf Minuten später kam Idei. Er ging durch den Salon und ließ sich in einer Ecke in den großen Ohrensessel fallen. "Ich brauche Wasser", rief er mit ungewohnt starkem japanischen Akzent: "I need wata!" Wir grüßten wieder, stellten uns vor, er sagte matt "Hello", hob die Hand, ob er winkte oder abwinkte, war nicht zu erkennen. Wir sollten mal loslegen, ermutigte uns der Europachef.

Also stellte ich die Eingangsfrage, Idei gab eine überraschend kurze Antwort. So ging das eine Zeit lang, dann kamen die schwierigeren, kritischen Fragen, etwa die nach der Zukunft des Walkman, nach Sonys angeblicher Strategie, alle Geräte miteinander zu vernetzen, und den Folgen der Digitalisierung für das Kerngeschäft. Fischermann und ich spielten good cop, bad cop, ich war der Gute.

Idei hörte sich die erste kritische Frage an und antwortete: "Ich weiß ja nicht, wo Sie herkommen ..." – "Deutschland", erwiderte Fischermann – "... aber in Japan sehen wir das anders." Ich stellte dieselbe Frage nochmals, nun etwas netter, ohne eine echte Antwort zu erhalten. Fischermann, er war der Technikexperte, schoss die nächste Frage ab. Und wieder entgegnete Idei mit unsicherer Stimme: "Ich weiß ja nicht, wo Sie her sind ..." Wieder gab Fischermann zurück: "Aus Deutschland." Aber ein echtes Gespräch wollte nicht zustande kommen.

Ich stellte nun allgemeinere Fragen, das ging besser. Aber Idei konnte sich nicht konzentrieren, und mein Kollege erlebte einen ganz anderen Mann als den, den ich kannte und ihm begeistert geschildert hatte. Fischermanns gehobene Augenbrauen sprachen Bände. Immerhin erfuhren wir irgendwann den Grund für die Unpässlichkeit des Superstars. Am Abend zuvor hatte das Sony-Management eine schottische Whisky-Verkostung erlebt, die bis fünf Uhr früh anhielt. Ideis Körper hatte den Alkohol wohl noch nicht abgebaut. Aber keiner traute sich, diesen Umstand anzusprechen.

Nach einer weiteren beklommenen halben Stunde, in der Fischermann noch mehrmals aufgefordert wurde, sein Herkunftsland zu nennen, nahte die Rettung. Ein Mitarbeiter schaute herein und rief auf Englisch: "Herr Idei, Sie müssen in zehn Minuten abschlagen." Idei war beglückt, von uns wegzukommen, auch wenn sein Golfspiel an diesem Morgen miserabel gewesen sein dürfte. Er sagte: "Aahh, ich muss los", verabschiedete sich sehr kurz und verließ – man muss sagen: fluchtartig – den Salon.

Wir redeten noch eine Weile mit dem Europachef, der die Umstände bedauerte und anbot, Fragen nachzureichen. Das taten wir, bekamen gerade so viele Antworten, dass sich das Interview halbwegs retten ließ. Hätte ich die Wahrheit schreiben sollen? Ich glaube nicht. Heute kann Nobuyuki Idei vielleicht darüber lachen. Aber sicher ist das nicht.

Uwe Jean Heuser leitet das Wirtschaftsressort und gibt das Magazin "ZEIT Geld" heraus. Siehe ZEIT Nr. 35/97