Am internationalen Flughafen von Erbil im Nordirak holen uns zwei Männer ab, ein alter kleiner und ein kräftiger junger. Sein Unterarm ist tätowiert. "Sabır" steht da, "Geduld". Warum gerade auf Türkisch, in der Sprache des alten Feindes, vergesse ich in der Aufregung zu fragen.

Anfang Dezember 2014 bin ich mit meiner Kollegin Burçak Belli in den Nordirak geflogen, um Cemil Bayık zu interviewen, den amtierenden Chef der "Arbeiterpartei Kurdistans" (PKK). Cuma, so sein Codename, hält sich im Hauptquartier der Organisation im irakischen Kandil-Gebirge auf. Die PKK und ihre syrischen Ableger kämpfen seit Monaten gegen den "Islamischen Staat" (IS) im nordsyrischen Kobane.

In der Wahrnehmung vieler Kurden sind die PKK und vor allem ihr in der Türkei inhaftierter Anführer Abdullah Öcalan Befreier. In den USA, der Europäischen Union und natürlich in der Türkei gilt die Partei als Terrororganisation und ist daher verboten. Die Deutschen verbinden mit der PKK Autobahnblockierer, Selbstverbrenner, Erpresser und Drogendealer.

Während der Kämpfe in Kobane änderte sich das Image im Westen. Mit einem Mal waren die PKK-Kämpfer Helden, die sich gegen die Barbaren des IS wehrten. Und unter den Kämpfern waren auch noch schöne Frauen.

Ich konnte die Schlacht um Kobane von der türkischen Grenze aus mitverfolgen. Das hat mich nicht mehr losgelassen.

Unsere Idee war es, den PKK-Chef Bayık zu befragen. Über Verbindungen, die ich geknüpft hatte, konnten wir einen Termin mit ihm machen. Um den Anführer einer Terrororganisation – die PKK gilt ja als solche – zu treffen, mussten wir uns in die Hände von Terroristen begeben. Wir mussten ihnen vertrauen.

So etwas mache ich normalerweise nicht. Aber wenn man mit dem PKK-Chef sprechen möchte, ist es der gängige Weg. Schon viele Kollegen aus aller Welt haben ihn auf diese Weise getroffen – sogar die staatliche Anadolu-Agentur war zum Interview bei ihm, das Verlautbarungsorgan der türkischen Regierung.

Der alte kleine und der starke junge Mann führten uns zum Wagen, einem weißen Pick-up. Anscheinend waren sie zu unserer "Sicherheit" abgestellt und sollten uns zu Bayık bringen. Einfach auf eigene Faust in Erbil und Umgebung herumzufahren bietet sich in dem Kriegsland nicht gerade an. Uns wurde nicht mitgeteilt, wo der PKK-Chef wohnt. Ich glaube, er wohnt auch gar nicht so richtig. Wir waren also auf den Alten und den Jungen als Führer angewiesen. "Darf ich Ihnen die Tasche abnehmen, abla?", fragt der Junge, als wir aus dem Flughafengebäude laufen. Wie höflich. Ja, gerne.

Das Interview mit dem PKK-Chef soll am nächsten Tag stattfinden. Unsere beiden Begleiter haben eine Bleibe für die Nacht organisiert: im Flüchtlingscamp Mahmur, etwa 20 Kilometer außerhalb von Erbil. Ende der neunziger Jahre flohen Kurden aus der Türkei vor den Kämpfen zwischen türkischer Armee und PKK hierher. Mittlerweile ist Mahmur eine kleine Stadt. Am Eingang, vor dem Schlagbaum, wird uns klar, wer auch hier das Sagen hat: Überall hängen Bilder von "Apo", Abdullah Öcalan. Erst vor zwei Wochen hatte der IS Mahmur angegriffen und kurzzeitig eingenommen. Die PKK kam und jagte die Islamisten davon. "Mein Haus hatten sie als Hauptquartier benutzt!", erzählt der kleine Alte. Er lädt uns zu sich ein, es gibt Salat, Fleisch und Reis. Wir sitzen auf dem Boden und lassen uns die Einschusslöcher in Wänden und Türen zeigen. Nach dem Essen legen wir uns schlafen – im Haus eines Menschen, in das sich noch bis vor Kurzem IS-Leute eingenistet hatten. Ich schlafe sofort ein.