Einladungen zu Präsentationen neuer Modelle landen bei mir als Auto-Redakteur dauernd auf dem Tisch. Eher selten gehe ich hin. Erst recht nicht, wenn die dritte oder vierte Neuauflage ein und desselben Modells vorgestellt wird. So war es im Frühjahr 2009, als die Einladung zur Präsentation des "neuen VW Polo" kam. Damals tobte der Übernahmekampf zwischen dem kleinen Sportwagenhersteller Porsche und der großen Volkswagen AG. Wer würde wen fressen? Niemanden interessierte da ein neuer Kleinwagen.

Bei so einer Präsentation sind meist nur Ingenieure da, vielleicht noch der Entwicklungschef der Marke. Nicht der große Boss, der damals bei Porsche Wendelin Wiedeking hieß und bei VW Martin Winterkorn. Letzterer war zu der Zeit auch noch ganz eng mit seinem Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch. Auf der Einladung war keiner von ihnen als Teilnehmer angekündigt.

Der zweitägige Trip von Hamburg nach Sardinien mit Umstieg in der Schweiz erschien mir eigentlich als zu aufwendig für so ein kleines Auto. Schon war ich drauf und dran abzusagen, da rief der VW-Pressesprecher an: Der Polo sei "ein ganz wichtiges Auto". Mehr sagte er nicht. Ich dachte, hm, vielleicht steckt da doch eine Geschichte drin. Vielleicht könnte man die angespannte Situation bei Volkswagen beschreiben und den Kampf der Niedersachsen und der knapp 300.000 VW-Mitarbeiter gegen die geplante Übernahme durch die frechen Schwaben von Porsche.

Also flog ich hin, hatte aber wegen der lästigen Flughafenkontrollen nicht einmal meinen Computer dabei. Aus den Notizen könnte ich auch zu Hause in Ruhe einen Text machen, so dachte ich.

Doch in Sardinien geschah ein Wunder. Ein gewichtiger VW-Grande nach dem anderen tauchte plötzlich auf: Der Betriebsratschef Bernd Osterloh, ein Staatssekretär des Großaktionärs Niedersachsen, und zu guter Letzt holte Martin Winterkorn den Chefaufseher Ferdinand Piëch nebst Gattin Ursula persönlich vom Flughafen ab. Im Polo, versteht sich.

Gespannt warteten wir Journalisten, was dieser Auflauf zu bedeuten hatte. Zunächst drehte sich tatsächlich alles um das neue Auto. Doch beim Abendessen, nach dem zweiten Gang, wanderte ich mit einigen anderen Kollegen zum Prominententisch von Ferdinand Piëch. Er beantwortete gnädig unsere Fragen, und plötzlich wurde klar, es ging hier um die groß angelegte Demontage des damals noch als großen Helden gefeierten Porsche-Sanierers Wendelin Wiedeking. "Demut" müsse "der Durchmarschierer" jetzt lernen, sagte Piëch, der auch ein Aktienpaket von Porsche hielt. Es war einer der berüchtigten Kurzkommentare Piëchs zur Person. Und er machte klar: Wiedekings Lauf war beendet. Das Ende des großen Kampfes absehbar.

Ich notierte alles auf meinen Block. Es war schon halb zehn abends. Aber das hier konnte nicht warten. Morgen war Redaktionsschluss. Keine Sekretärin mehr in der Hamburger Redaktion. Den ganzen Text ins Handy schreiben – unmöglich. Ich bettelte an der Rezeption darum, den hauseigenen Hotelcomputer nutzen zu dürfen. Kurz nach Mitternacht fing ich an, die Geschichte aufzuschreiben. Es sollte eine ganze Seite werden. Am nächsten Morgen schon ging der Flug zurück, bei der Zwischenlandung in Zürich erkämpfte ich mir den Zugang zu einem Computer in der Lufthansa-Lounge, schrieb die Geschichte von der "Sardischen Eröffnung" zu Ende. Drückte auf die Senden-Taste. Der Text kam gerade noch rechtzeitig an.

Später stellte sich die Veranstaltung als historische Zäsur bei der Übernahmeschlacht heraus. Porsches Wiedeking musste weichen. Piëch und Winterkorn hatten gewonnen. VW schluckte Porsche. Nicht umgekehrt. Und ich war ganz nah dabei – und hatte alles im Blatt.

Eine Lehre habe ich daraus gezogen: Egal, wie unspektakulär eine Veranstaltung angekündigt ist, meinen Laptop nehme ich lieber mit. Man weiß ja nie, wer da kommt.

Dietmar H. Lamparter ist Redakteur im Wirtschaftsressort der ZEIT. Siehe ZEIT Nr. 21/09