Als ich im März 1990 zur ZEIT kam, gab es in meinem Büro keinen Computer. Meine Sekretärin hatte einen. Überhaupt alle Sekretärinnen hatten einen. Die Herren reichten die Artikel, die sie am Montagabend in die Schreibmaschinen hämmerten, Seite für Seite an die Sekretärinnen zum Abschreiben weiter. Ich habe immer ungeduldig auf den Dienstschluss der Sekretärinnen gewartet, um endlich selber am Computer schreiben zu können. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, was ich ohne Computer den ganzen Tag in meinem Büro gemacht habe, während ich auf den Dienstschluss der Sekretärinnen wartete.

Noch seltener als Computer waren damals Frauen in der Redaktion. Bei den Zusammenkünften der Ressortleiter sah es aus wie im jemenitischen Teehaus. Was nicht ganz stimmt, denn die Herren tranken bei den Konferenzen keinen Tee, sondern jede Menge Cognac und Whisky Soda (heute ist es genau umgekehrt: Es gibt jede Menge Frauen in unseren Konferenzen, und unser Chefredakteur trinkt Tee). Aber damals gab es neben mir im Feuilleton nur eine ältere Kollegin. Und im ganzen Haus waren Frauen auf Redakteursposten ein bestauntes Kuriosum. Keine dieser Damen hatte Kinder, als hätten sie alle ein Gelübde abgelegt, ihren Einsatz für dieses hohe Haus niemals durch irgendwelche Privatfisimatenten zu trüben.

Unter den älteren Herren der ZEIT verursachte meine Ankunft ziemliche Unruhe. Auf meinem Schreibtisch landeten allerhand Briefchen und Einladungen. Manche direkt und resignativ: "Leider bin ich schon zu alt, um mit Ihnen zu schlafen." Die meisten aber galant und fantasievoll, jeden Tag ein neuer Hölderlin-Vers, eine Postkarte, eine Zeichnung, ein wohlformuliertes Billetdoux. Meine Regale füllten sich mit den Taschenbüchern aus der Feder der älteren Kollegen, die alle irgendwelche Heldentaten hinter sich hatten. Als Starkritiker bei der Gruppe 47, als Flieger im Zweiten Weltkrieg, als berühmtester Theaterkritiker oder bester Reporter der Nachkriegszeit und so weiter.

Es war damals üblich, dass, wer in der Pionierzeit des Blattes Großes geleistet hatte, ein lebenslanges Bleiberecht genoss. Einer davon war René Drommert, der als Feuilleton-Pensionär singend und Lermontow-Verse deklamierend durchs Haus zog. Manchmal zischte er, offenbar in lobender Absicht, durch meine offene Bürotür ein paar Sätze aus einem Artikel, den ich gerade im Blatt hatte. Sobald er wieder einmal ein neues Lermontow-Gedicht übersetzt hatte, kam er in mein Zimmer und trug es mir auswendig vor.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Am hinteren Ende des Feuilletonflurs, im sogenannten Arlington-Flügel, residierten Rudolf Walter Leonhardt und Fritz J. Raddatz, die ehemaligen Chefs des Ressorts. Die längst pensionierte, legendäre Sekretärin von Leonhardt, Frau Westhaus, kam ebenfalls einmal wöchentlich zum Korrekturlesen ins Haus. Am Montagabend wanderte sie mit ihren knarrenden orthopädischen Schuhen von Zimmer zu Zimmer ("Haben Sie schon etwas zum Lesen für mich?"), bis sie eines Montags nach der Arbeit auf dem Heimweg im Bus gestorben ist.

Besonders einen dieser lebenslänglichen Helden werde ich nie vergessen. Das ist Ben Witter, der damals legendäre Reporter der ZEIT. Er hat unzählige Bücher veröffentlicht, die heute kein Mensch mehr kennt. Daran muss ich oft denken, wenn wir jetzt so stolz auf die Bücher sind, die wir schreiben. Besonders berühmt waren Witters Spaziergänge mit Prominenten. So schlicht würde man das heute nicht mehr ausdrücken, aber im Grunde machen wir im Feuilleton noch immer die gleichen alten Ben-Witter-Sachen: mit berühmten Leuten herumlaufen und aufschreiben, was sie uns erzählt haben.

Ben Witter hatte seinen Stammplatz in der Redaktionskonferenz in der zweiten Reihe gleich neben der Tür. Alter Fluchtreflex des Einzelgängers. Irgendwann ließ der damalige Chefredakteur Theo Sommer an diesem Platz eine goldene Plakette anbringen: "Reserviert für Ben Witter, Freitag 16 bis 18 Uhr". Die hing dort noch viele Jahre, nachdem Ben Witter 1993 auf dem Sofa einer Freundin ganz plötzlich gestorben war.

Um Ben Witter, geboren 1920, wehte der Reporter-Odem des unerschreckbaren, empfindsamen Kerls, der in allen Ecken der Welt zu Hause ist und mit allen klarkommt, mit den super Erfolgreichen genauso wie mit den schweren Jungs. Für seine Porträts brauchte er weder Tonband noch Notizen. Seine Vorbilder waren die melancholischen Flaneure der Jahrhundertwende und die Feuilletonisten der Weimarer Republik. Er erlaubte sich einen literarischen Stil, der in der eher angelsächsisch-moderat formulierenden Zeitung herausstach. Als ich ihn in seinen letzten Lebensjahren in seiner bescheidenen Hamburger Zweizimmerwohnung besuchte, war ich erstaunt, wie studentisch der berühmte Mann lebte. Zahlte die ZEIT so schlecht, dass selbst ihre Stars wie Dachstubenpoeten hausen mussten? Was ich nicht wusste: Ben Witter interessierte sich nicht für das, was man üblicherweise mit Geld macht. Er gab es einfach nicht aus und hinterließ ein Vermögen, aus dem seit 1995 jedes Jahr der hoch dotierte Ben-Witter-Journalistenpreis vergeben wird.

Mir hinterließ er auch etwas: seine Schreibmaschine, einige Kilo schwer. Und sein 32-bändiges Grimmsches Wörterbuch, in Halbleder gebunden. Das Handwerkszeug des Journalisten. Eine Wahnsinns-Geste. Sollte wahrscheinlich heißen: Hier ist die Fackel, jetzt mach mal. Viele Jahre stand die Ben-Witter-Schreibmaschine in unserem Wohnzimmer. Meine Töchter haben darauf Journalist gespielt. Denn kurz vor Bens Tod brach das neue Zeitalter an, und ich bekam einen Computer.

Iris Radisch leitet das Feuilleton seit 2013. Zuvor war sie über viele Jahre die Literaturchefin der ZEIT