Man hatte mich vor den Männern der ZEIT gewarnt. Seit Juli 2013 bin ich Redakteurin im Politikressort, davor war ich beim Spiegel, zuletzt im Hauptstadtbüro. Bei meiner Abschiedsfeier hielt ein Kollege eine launige Rede und überreichte mir eine Packung Taschentücher. Die würde ich brauchen, für meine neuen Kollegen. Die Männer bei der ZEIT seien überaus gefühlig und weinten viel.

Zeitungen und Magazine sind nicht bloß bedrucktes Papier, sie haben ein Image, und dieses Image haftet auch an den Menschen, die für das Blatt schreiben. Der Spiegel gab sich jahrzehntelang als breitbeiniges Investigativorgan, das vornehmlich von Männern für Männer gemacht wird. Noch im Frühjahr 2012 warb das Heft mit dem Foto einer Redaktionsrunde, Zeile: "Die Konferenz, vor der Politiker zittern". Weil aber niemand vor einem zittert, der lieb, traurig oder verletzlich ist, blieb dem Spiegel-Mann (und auch der zahlenmäßig unterlegenen Spiegel-Frau) nichts anderes übrig, als abgebrüht und überlegen daherzukommen. Ich hatte meine Kollegen wütend erlebt und hämisch (freundlich und witzig natürlich auch). Weinen sah ich sie nie.

Bei der ZEIT sollte es anders sein. Hier gab es Titelgeschichten, die Das Ende des weißen Mannes hießen. Der Typ des testosterongeladenen Machos, las ich dort, der über Dekaden die Geschicke des Landes und der Redaktionen gelenkt habe, sei ein Auslaufmodell. Ich erwartete Stuhlkreise, in denen Kollegen sich gegenseitig Wollknäuel zuwarfen und über ihre Emotionen sprachen. Vielleicht gab es auch Workshops zur gemeinsamen Erkundung der inneren Ängste. Auf den Fluren meiner neuen Redaktion hatte ich die Packung Taschentücher immer griffbereit.

Überflüssig. Die neuen Kollegen erwiesen sich als ähnlich hartgesotten wie die vom Spiegel, sie traten bloß höflicher auf. Bei der ZEIT pflegt man zum Beispiel das hanseatische Du: Hier sprechen sich alle beim Vornamen an, die entfernteren Kollegen siezt man dabei. Ansonsten begegnete mir auch bei der ZEIT der Typus Welterklärer, nur die Themen unterschieden sich. Waren die Männer beim Spiegel eher auf Machtfragen fixiert ("Wer sägt an Merkels Stuhl?"), beschäftigten sich die von der ZEIT mehr mit dem großen Ganzen ("Was der Westen jetzt tun muss").

Tatsächlich ist der Welterklärer aber überall auf dem Rückzug. In der Politik sind in der Ära Merkel kaum noch Alphamännchen übrig, in der Wirtschaft rühmt man die Erfolgsquoten gemischtgeschlechtlicher Teams, in Redaktionen – auch beim Spiegel – sieht es mittlerweile ähnlich aus. Frauen werden häufiger Ressortleiterin als früher, schreiben Leitartikel, Aufmacher, Titelgeschichten. Die Deutungshoheit obliegt längst nicht mehr nur den Männern – sie haben einfach zu viele gute Kolleginnen.

In der Redaktion der ZEIT geht das so weit, dass bei den unter 40-Jährigen die Frauen längst in der Mehrheit sind. Als sich vor einer Weile die Jüngeren zu einer Konferenz trafen, waren die Männer derart in der Unterzahl, dass man sie fast schon unter Artenschutz hätte stellen müssen. Falls das den einen oder anderen doch noch zum Weinen bringt: Bei mir gibt’s Taschentücher.

Merlind Theile wechselte vor drei Jahren vom "Spiegel" ins Politikressort der ZEIT