Wer schreibt, macht eine Erfahrung der Einsamkeit. Mancher hat von Natur aus ein Talent dafür, doch die große Mehrheit bedarf in dieser Frage der Unterweisung.

Ich war Anfang dreißig, als ich 1994 für drei Monate in der Feuilleton-Redaktion der ZEIT hospitierte. Ich hatte gerade promoviert und war in vielerlei Hinsicht ein ahnungsloser Tropf, zumindest, was klösterliche Einrichtungen betraf, denn in genau so eine – das begriff ich schnell – war ich geraten, ein Schweigekloster, um genau zu sein, und tatsächlich hat in den drei Monaten niemand dort mehr als zwei Sätze mit mir gesprochen.

Mein geistiger Mentor, der mich in das Kloster eingeladen hatte, zeigte mir zur Begrüßung Speise- und Versammlungssaal und im Vorübergehen seine Zelle, und danach richtete er nie wieder ein Wort an mich, warf hin und wieder missbilligende Blicke auf meine ärmliche Kleidung und behandelte mich im Übrigen wie Luft.

Unerfahren, wie ich damals war, habe ich mir sein Verhalten mit meiner geringfügigen Stellung als Novize erklärt, bis mir aufging, dass auch die Mönche und Nonnen untereinander kaum sprachen. Bei den wöchentlichen Beratungen unter Leitung des schmallippigen Priors referierte ein jeder, welchen Beitrag zur Klosterchronik er zu schreiben gedenke, doch darüber hinaus gab es so gut wie keinen gedanklichen Austausch.

Das verblüffte mich. Mochten sich die Mönche und Nonnen untereinander nicht, obwohl sie doch durch ihre große Aufgabe unauflöslich miteinander verbunden waren? Das, was sie dachten und in ihren Zellen niederschrieben, beanspruchte Gültigkeit bis weit über die Grenzen der Stadt hinaus, es erklärte den Unwissenden, was die Welt im Innersten zusammenhält und wie sie gegebenenfalls vor dem Untergang gerettet werden könnte. Und da sollten kleinliche Gefühle eine Rolle spielen?

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Manchmal meinte ich zu bemerken, dass es Animositäten gab, ein kaum hörbares Zischen da, ein unmerkliches Kopfschütteln dort. Soll eine Klosterchronik vor allem über Vorfälle der zurückliegenden Woche berichten oder eher die großen Menschheitsfragen verhandeln? Darüber schienen die Mönche und Nonnen seit Langem in stummem Streit zu liegen, den auszutragen sie zu müde waren oder den sie schon so oft ausgetragen hatten, dass es eine neue Mühe nicht lohnte.

Länger als eine halbe, Dreiviertelstunde saß man nicht zusammen. Der Prior nickte und klopfte sich abschließend auf seine sehr dünnen Schenkel, und danach liefen alle auseinander und verschwanden in ihren Zellen.

Ich habe diese Zellen nie betreten und weiß nicht, was die Mönche und Nonnen dort in welcher Reihenfolge taten. Ich nehme an, sie beteten. Glaubten sie wirklich alle an denselben Gott? Oder jeder an seinen eigenen? Sie versenkten sich in ihre inneren Reiche und warteten, dass die Worte kamen. Die Erfahrung des Klosters hatte sie gelehrt, dass man warten können musste. Sie waren ohne jede Furcht, im Gottvertrauen auf ihre Kräfte, die einem Novizen wie mir nur gigantisch vorkommen konnten – die Ende der Woche auf dem Boden des Zellengangs ausgelegten Seiten, die sie geschrieben hatten, legten davon Zeugnis ab.

Ich habe schon gesagt, wie unwissend ich damals war. Ich nahm persönlich, was Ausdruck einer überlegenen geistigen Haltung war und ein Versuch, mich im Sinne der klösterlichen Regeln zu erziehen. Das alles verstand ich nicht. Ich wollte einer von ihnen sein, und um einer von ihnen zu werden, überlegte ich, womit ich sie beeindrucken könnte.

Ich interessierte mich damals sehr für die Unglücksstadt Stalingrad, das Thema meiner Dissertation. Vielleicht war es ja lohnend, sich hier einmal mit einer anderen Unglücksstadt, mit Königsberg zu beschäftigen, von deren Schicksal damals, 1994, gerade viel und aufgeregt die Rede war. Die Versammlung der Mönche und Nonnen nickte milde dazu.