So über die Jahre haben wir uns aneinander gewöhnt. Ich mag seine Macken und Dellen, die feinen Kratzer im Holz, ich mag die sanft gerundete Kante und die Farbe des Holzes, dieses rötliche Braun der Maserung, an dem mein Blick oft hängen bleibt, wenn ich gerade telefoniere oder es mit dem Schreiben nicht recht vorangeht. Alt ist er, ich vermute, es ist der dienstälteste Schreibtisch, den es in den Redaktionsräumen gibt. Und klein ist er, eigentlich zu klein. Wenn am Mittwochnachmittag die neue Ausgabe bei uns ankommt, muss ich das Telefon an die Seite rücken und den Bildschirm zurückschieben, um die ZEIT zu voller Größe entfalten zu können.

Gerne wird ja die Geschichte des Schreibtischs auch als eine Geschichte der Macht begriffen. Der kleine Angestellte sitzt am schmalen Pult, der Chef hingegen will mit Wucht, Gewicht und klobigen Ausmaßen demonstrieren, wie weit sein Einflussgebiet, wie platzbedürftig sein Schaffen sei. So gesehen war es geradezu ein Zeichen der Bescheidenheit, dass mein Schreibtisch vor gut 50 Jahren keineswegs für irgendein Vorzimmer angeschafft wurde, sondern für den langjährigen Leiter des Feuilletons, Rudolf Walter Leonhardt. Vor allem aber fiel die Wahl wohl aus pragmatischen Gründen auf das skandinavisch-schlichte Möbel. Denn Leonhardts Büro war so klein, wie die Umfänge der ZEIT damals schmal waren . Als er 1957 seinen Posten bezog, gab es nicht viel zu repräsentieren. Es gab auch nicht so viel zu beachten und zu bedenken wie heute, nicht die Überzahl an Neuerscheinungen, nicht die unendlich vielen Einladungen und Kataloge, Prospekte, Hinweis- und Werbeschreiben, die jetzt unsere Postfächer fluten. Der Kulturbetrieb war ein Betriebchen. Ein kleiner Tisch mit schlanken Beinen und fünf Schubladen reichte vollauf.

Wann schließlich das große Umrüsten und Ausrümpeln begann, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Manche Sessel waren durchgesessen, die Stehpulte schienen übermäßig antiquiert. Jedenfalls landeten viele alte Möbel auf dem Müll, und ich vermute, es hatte etwas mit den Computern zu tun, die irgendwann einzogen und mit klobigen Monitoren nach Raum verlangten. Mein Schreibtisch blieb glücklicherweise verschont, Petra Kipphoff, die Kunstkritikerin , hatte sich seiner angenommen, kam damit gut zurecht, das aber nur, weil sie sich einen Extratisch für den Computer danebenstellte.

Interessanterweise waren die neuen Möbel, die in den späten Achtzigern ins Haus kamen, auch äußerlich den Rechnerkisten verwandt: griesegrau, absolut kratzfest, bestens abwischbar und auch sonst derart unpersönlich, dass man sie jederzeit an die nächste Kreissparkasse hätte weiterverkaufen können. Das allerdings passierte nicht, sie stehen bis heute in den Büros und machen die Räume eng. Denn so ausladend sind die plastiküberzogenen Riesenplatten, dass man zur Not darauf übernachten könnte. Aus dem Schreib- machen sie einen Lagertisch.

Es begann damals ja die Ära des sogenannten papierlosen Büros, die mehr Papier denn je produzieren sollte, sodass sich die weiten Tischflächen als überaus nützlich, ja geradezu lebenserhaltend erwiesen. Wo sonst hätte man die ausgedruckten E-Mails, die Leserbriefe, ungedruckten Manuskripte, Notizblocks und Keksschachteln lagern und zu anmutigen Gebirgen aufstapeln können?

Sollte es also das geheime Ziel der Tischkonstrukteure gewesen sein, das Innenleben der ZEIT interieurmäßig zu sterilisieren und ihr alle Eigenarten durch passiv-aggressive Nichtmöbel auszutreiben, so müssen sie enttäuscht sein. Jede noch so aseptische Fläche wird rasch besiedelt, wenn nicht von den obligatorischen Zettelhaufen und Zeitungen, dann von halb leeren Wasserflaschen, Postkarten, Nachtischschälchen oder – ja, das gibt es hier gelegentlich noch – von überquellenden Aschenbechern.

Zum Glück habe ich in meinem Zimmer eine breite Fensterbank, auf der ich lagern kann, was auf dem kleinen Schreibtisch keinen Platz findet. So gelang mir die Umstellung besser, als ich vor ein paar Jahren, als die Kollegin Kipphoff in den Ruhestand ging, den Schreibtisch übernahm. Er ist nun meiner und ist es nicht, denn natürlich sitzt die ZEIT-Geschichte immer mit am Tisch, mit ihren Kratzern und Macken und einigen Dellen, über die ich gerne mit dem Finger streife.

Hanno Rauterberg ist Architektur- und Kunstkritiker und der stellvertretende Ressortleiter des Feuilletons

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio