Seit Jahren arbeite ich im Redaktionsgebäude der ZEIT, und bis heute werde ich den Verdacht nicht los, dass ich mich in einem Haus mit geheimem Eigenleben, einer Art Geisterschloss befinde. Das Schloss am Hamburger Speersort hat die Form eines eckigen Hufeisens, seine Seitenflügel sind schlank, und in den Etagen verbindet jeweils ein Korridor sämtliche Räume. Es geht zu wie in einem französischen Straßendorf: Alle Zimmer öffnen sich zu einer einzigen Mittelstraße hin.

Als ich zum ersten Mal durch diese Korridore lief, fiel mir etwas Seltsames auf. Immer wieder sah ich zwischen zwei Bürotüren eine "blinde", ehemalige Tür, von der nur noch ein zugemauerter Türrahmen zeugte. Dahinter war einmal ein Raum gewesen, jetzt aber gab es dort nichts mehr, was man hätte betreten können.

Die toten Türen der ZEIT!

Manchmal passiert man vier, fünf Phantomtüren nacheinander – mit Gipsplatten verschlossene und mit Raufaser überklebte, sozusagen vernarbte Öffnungen. Schreitet man alle Korridore ab, so findet man bestimmt sechzig, siebzig tote Türen, und man fühlt sich ein wenig so, als ginge man durch eine Bildergalerie, in der viele Rahmen leer an den Wänden hängen.

In meinen ersten Wochen in der Redaktion betrachtete ich diese verschlossenen Zugänge mit Schaudern: Edgar Allan Poes Erzählung Das Fass Amontillado kam mir in den Sinn – die Geschichte eines Mannes, der bei lebendigem Leib in einem Keller mit Sherry eingemauert wird. Warum traf ihn diese furchtbare Strafe? Weil er den Täter auf unklare Weise beleidigt hatte. Aber mauert man deshalb jemanden ein?

Immer wieder klopfte ich auf meinen Wanderungen gegen die toten Türen und legte mein Ohr daran. Hausten hinter ihnen etwa eingemauerte Kollegen? Lag ein Fluch über uns allen? Ganz ausgeschlossen, fand ich, war das nicht. Schließlich bergen diese Mauern noch heute gewisse Geheimnisse, so soll sich im Zementsockel des Gebäudes eine von Joseph Goebbels unterzeichnete Bauurkunde befinden.

Es dauerte einige Zeit, bis ich verstand, dass jede tote Tür der ZEIT ein Stück Redaktionsvergangenheit verkörpert. Oft nämlich, wenn ein einfacher Redakteur zum leitenden Redakteur ernannt wurde, durfte er sein "einachsiges" Zimmer gegen ein "zweiachsiges" Zimmer tauschen, und wenn er noch höher aufstieg, stand ihm ein "dreiachsiges" Zimmer zu. Hätte er immer weitere Beförderungen erlebt, dann hätte das die Architekten vor unlösbare Herausforderungen gestellt, denn der Redakteur hätte langfristig Anspruch auf ein sechs-, sieben- oder achtachsiges Zimmer stellen können.

Verehrte Leserin, lieber Leser – kann es sein, dass Sie nicht wissen, was ein dreiachsiges Zimmer ist? Nun, die Sache ist einfach: Als Einachser gilt ein Zimmer, welches ein Fenster, ein Fensterkreuz, eine Blickachse hinaus in die Welt besitzt; ein Zweiachser hat zwei, ein Dreiachser drei Fenster. Die alte Achsenpolitik der ZEIT war eine Verfeinerung der Aufstiegs- und Chefsesselpolitik herkömmlicher Unternehmen: Anderswo haben Angestellte einfache Stühle mit Holzrückenlehne und Metallkufen, Chefs hingegen verfügen über De-Luxe-Sessel mit Hermelinlehne und Mahagonirollen. Bei uns dagegen hatten alle die gleichen Sessel; der sichtbare Unterschied zwischen einfachen und höheren Rängen lag anderswo, nämlich in der Aussicht, welche dem Betreffenden geboten wurde. Je höher einer aufstieg, desto mehr durfte er von der Welt sehen.