Wie so oft im Leben rennt wieder die Zeit davon, und verzweifelt sucht die Idee nach dem passenden Wort. Der Redakteur ist mit seinem Text nicht fertig, und alle Augen warten auf ihn. Die Chefin vom Dienst macht Druck vor dem Druck. Und die Layouter möchten endlich loslegen. Liebevoll umbrechen sie den abwesenden Text des anwesenden Autors und stellen ein großes Bild dazu, sicherheitshalber ein sehr großes. Auch die Überschrift fehlt. Deshalb füllen die Layouter ersatzweise Blindtext ein, eine Art Wortplatzhalter, der zum Glück nie gedruckt wird. Bei der ZEIT lautete der Blindtext jahrzehntelang: "Der Hamburger läuft im Regen".

Solche Sätze sind kein Zufall. Sie sind über viele Jahrzehnte gereift, an ihnen haften die Ablagerungen eines untrüglichen Lebensgefühls, oder wie deutsche Dichter dichten würden: Aus ihnen tönt das Echo einer tieferen Zeit. Klar, die Kollegen aus dem süddeutschen Zeitungsraum machten sich über den "Hamburger im Regen" lustig, kein Auge blieb trocken. Sehr spöttisch auch die konservativen Herrschaften aus Frankfurt, die pausenlos Fraktur reden und nicht einmal beim Schlafengehen ihren Max-Weber-Stehkragen ablegen wollen: "Ganz schön nassforsch, diese Hamburger! In der Windstille ihrer Seele denken sie immer nur an sich und an den Regen. Und natürlich an heißen Tee und englische Biscuits." Und dann folgt, was folgen muss – Thomas Manns berühmt-berüchtigter Satz über die Hamburger Wohlfühl-Zeit: "Die Atmosphäre der großen Meerstadt, diese feuchte Atmosphäre aus Weltkrämertum und Wohlleben, die seiner Väter Lebensluft gewesen war, er atmete sie mit tiefem Einverständnis, mit Selbstverständlichkeit und gutem Behagen."

Zugegeben, die Sentenz aus dem Zauberberg ist hübsch glasiert und gut gezuckert. Sie schmilzt auf der Zunge wie Lübecker Edelmarzipan am Heiligen Abend. Und doch schmeckt sie nach einem groben Missverständnis. Thomas Mann fabulierte von Feuchtigkeit, der Blindtext der ZEIT hingegen sprach unzweifelhaft von "Regen". Das ist ein Unterschied ums Ganze, ungefähr so groß wie der zwischen Land und Meer. Oder zwischen Hamburg und Lübeck.

Um höflich zu bleiben: Thomas Manns Bemerkung, der behagliche Hamburger Zeitgeist wolle sich von der Welt nicht mehr überraschen lassen – diese Bemerkung ist so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist. "Der Hamburger läuft im Regen" bedeutet: Der Hamburger läuft ohne höhere Deckung durch die Welt, er hat metaphysisch kein Dach über dem Kopf. Während der gemeine Münchner das tröstende Weiß-Blau des südlichen Himmels über und die grandios spießigen Alpen als schützende Macht hinter sich hat, ist der Hamburger transzendental obdachlos. Ganz auf sich gestellt und allein mit seinen Gedanken. Für den Hamburger gibt es keinen verlässlichen Himmel, nur verlässlichen Regen. An solchen Tagen zieht sich sein Geist stumm ins Kontor zurück, und nur Ahnungslose können glauben, er mache es sich in seiner verregneten Freiheit bequem. Tatsächlich trainiert der Hamburger seine Geistesgegenwart, er will den Weltlauf verstehen und seine Zeit in Gedanken fassen. Oft bemerkt es niemand, und manchmal bemerkt es der Hamburger nicht einmal selbst.

Thomas Assheuer ist Redakteur im Feuilleton