Helmut Schmidt kam 1983 nicht als der sanfte Weise aus Langenhorn zur ZEIT, er trat an als schneidiger Ex-Kanzler. Schwache Argumente vernichtete er mit seinem gefürchteten Haifischlächeln, das wir bis dahin nur aus dem Fernsehen kannten. Den Namen manch armen Redakteurs, mit dem er Woche für Woche zusammensaß, wollte er sich auch nach Jahren nicht merken. Auf dem Weg zurück von den Konferenzen in sein Büro pfiff er auf dem Flur manchmal leise einen Militärmarsch vor sich hin. Nicht nur im Kulturteil zogen sie die Augenbrauen hoch: kein Stil, kein Niveau!

Ich mochte Schmidt. Auch ich war 1983 zur ZEIT gekommen, direkt von der Journalistenschule. Prickelnd wie Champagner fand ich die Luft im sechsten Stock am Hamburger Speersort. In der Freitagskonferenz des Politik-Ressorts: Bucerius, Dönhoff, Sommer, Schmidt, manchmal Ralf Dahrendorf, Egon Bahr oder Fritz Stern. Ein journalistischer Olymp.

Warum mochte ich Schmidt, wir stritten doch dauernd miteinander? Menschenrechte in China, humanitäre Interventionen, die Kriege auf dem Balkan – unweigerlich waren wir gegensätzlicher Meinung. Für mich war die Zeit über seine Realpolitik hinweggegangen, er hielt mich für einen idealistischen Interventionisten. So stritten wir uns und hatten unsere Freude daran.

Eines war immer klar: Er blieb der frühere Bundeskanzler. Das prägte seinen Blick auf das Weltgeschehen. Im Frühsommer 1989 hatte ich wochenlang aus Peking über die chinesische Demokratiebewegung berichtet, tief beeindruckt von der Disziplin und dem Mut der Studenten. Dann ließ das Regime den Protest am Platz des Himmlischen Friedens zusammenschießen. Bei aller Tragik des Geschehens – Helmut Schmidt fand die westliche Berichterstattung "übertreibend". Ein knappes Jahr nach dem Tiananmen-Blutbad brach er nach Peking auf, um Deng Xiaoping zu treffen. Deng war es gewesen, der den Befehl zum Einsatz der Armee gegeben hatte. Schmidt aber glaubte: Der Westen dürfe China nicht isolieren, eine stabile Volksrepublik sei unverzichtbar für den Weltfrieden, nichts schien ihm gefährlicher als ein neuer Kalter Krieg. Ich fand seine Reise unmöglich, zumindest kam sie aus meiner Sicht zu früh.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Helmut Schmidt war 1987 aus dem Bundestag ausgeschieden. Er hatte nun keine politischen Ämter mehr inne. Aber natürlich wollte er weiter politisch wirken. Auch deshalb schrieb er bisweilen keinen Leitartikel in der ZEIT, sondern gab lieber der Bild-Zeitung ein Interview – zum Zustand der SPD, zur Finanzkrise, zur Zukunft Europas, zu Putin. Wir haben uns nie daran gewöhnt. Was ihn nicht weiter kümmerte.

Und er traf sich mit den Großen der Welt. Besser gesagt, sie machten ihm ihre Aufwartung. Typischer Dialog in der Politik-Konferenz, es ging um die Europäische Zentralbank, Frage an Schmidt: Woher wissen Sie das? – "Hat Draghi mir gesagt." – Haben Sie mit ihm telefoniert? – "Hat mich besucht." – Hat schon mal jemand abgesagt, den Sie sprechen wollten? – "Ich kann mich nicht erinnern!"

Es kam aber nicht nur Draghi. Oder Schröder. Oder Gabriel. Es kamen auch buntere Gäste. Der Schauspieler Jan Fedder (Großstadtrevier) zum Beispiel. Möglicherweise hatte Helmut Schmidt ihm ein, zwei Baileys eingeschenkt, Fedder jedenfalls war bester Dinge, als er danach dem Aufzug entgegentüdelte. Vielleicht war er auch so fröhlich, weil Schmidt ihm einen seiner Elbsegler geschenkt hatte.

Ansonsten waren wir Redakteure bei Schmidt zu Gast, er saß ja nur ein paar Türen weiter. Meist hatte er Zeit. Zum Beispiel, wenn ich mit ihm über Asien sprechen wollte. Er kannte die wichtigen Akteure und öffnete auch schon mal einen Zugang. Nach Reisen berichteten wir einander. Manchmal gab er mir eine Kopie der Aufzeichnungen, die er von wichtigen Gesprächen anfertigen ließ.