Gute 35 Jahre bin ich in diesem Haus. Kürzlich habe ich meinen 70. Geburtstag gefeiert. Jetzt wird auch die ZEIT 70. In ihr und mit ihr habe ich mein halbes Leben verbracht. Ich staune, ich erschrecke darüber, und ich muss an Thomas Manns Roman Joseph und seine Brüder denken, den ich bis heute nicht bis ans Ende zu lesen vermochte und dessen berühmter Anfang lautet: "Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?"

Unergründlich ist er nicht, aber fürchterlich tief dann doch. Es kommt mir vor, als sei der Wandel total, das Bleibende gering. Allerdings kann eine Zeitung nur dann reüssieren, wenn sie auf der Höhe ihrer Zeit bleibt, und diese Redaktion kann von Glück sagen, dass ihr das immer wieder gelungen ist. Die politischen Verhältnisse, die ökonomischen Bedingungen, die Lebens- und Umgangsformen haben sich rasant verändert. Auch die ZEIT hat sich verändert, andernfalls gäbe es sie wohl nicht mehr. Ich war – willentlich, unwillentlich – Teil dieser Geschichte.

1. Die Heldensagen

Anfang der Neunziger amüsierte sich Harald Schmidt in seiner Show über die ZEIT. Mit dramatischen Klavierakkorden untermalte er folgende Erzählung: "Das lohfarbene Gold einer großen Wolkenbank spiegelte sich in den Fensterscheiben von Schloss Ahlsheim, als die Sonne mit schwächer werdendem Glanz hinter der Alster versank. Der alte Buc, die treue Gärtnerseele, striegelte den Trakehnerhengst Tempelhüter, den Marion Gräfin Dönhoff unter Einsatz des Lebens ihrer polnischen Knechte aus Ostpreußen geschmuggelt hatte. Jetzt saß Marion Gräfin Dönhoff mit Sybil Gräfin Schönfeldt beim Tee im Wintergarten und blickte auf das dampfende edle Ross. Auf beider Gräfinnen Augen lag ein versonnener Glanz, und Gräfin Sybil gedachte jener längst entschwundenen Zeiten, als muselmanische Lakaien die Teeblätter noch einzeln auslutschten und den braunen Saft von Hand über einer Kerze erwärmten. Vorbei! Ein Knirschen riss die beiden Gräfinnen aus ihren Gedanken, denn auf dem Kies vor der Auffahrt rollte sanft der Sportwagen von Dr. Theo Sommer aus. Dr. Theo Sommer! Chefarzt der privaten Nervenheilanstalt Gruner + Jahr ..."

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Eine kommentierte Ausgabe der Werke von Harald Schmidt müsste zumindest Folgendes anmerken: Theo Sommer, 1973 bis 1992 Chefredakteur (er war es auch, der mich auf Wunsch von Fritz J. Raddatz eingestellt hat); Marion Gräfin Dönhoff, 1968 bis 1972 Chefredakteurin, danach Herausgeberin; Sybil Gräfin Schönfeldt, Übersetzerin, Autorin von Kinder- und von Kochbüchern, langjährige Mitarbeiterin der ZEIT; Buc (gesprochen: Buz), Kürzel von Gerd Bucerius, Mitgründer und Eigentümer der ZEIT bis zum Verkauf 1996 an die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck.

Harald Schmidts nur zur Hälfte zitierte Fabel ist eine Parodie jener Heldensagen, die immer wieder zum Besten gegeben wurden. Etwa die von der westwärts gelungenen Flucht der Gräfin zu Pferd, nachdem das ostpreußische Familienschloss unwiederbringlich verloren war. Oder die von der allerersten Ausgabe der ZEIT, die reißenden Absatz fand, weil die Händler auf dem Hamburger Fischmarkt dringend Einwickelpapier brauchten. Oder die von den Improvisationskünsten des ersten Redaktionshäufleins, das sich in ungeheizten Zimmern von Notfall zu Notfall hangelte.

Manche dieser Geschichten habe ich in der "Käsekonferenz" gehört. Die Zusammenkunft am Freitagmittag – es gab Brot, Käse und Weißwein – diente dem konfliktmildernden Austausch zwischen Bucerius und dem Chefredakteur samt Ressortleitern. Bucerius war ein Verleger, der am Schicksal seiner Zeitung, die er mehrmals mit eigenen Mitteln vor der Pleite rettete, den leidenschaftlichsten Anteil nahm. Er las das Blatt von A bis Z und war selten völlig damit einverstanden.