Helmut-Schmidt-Haus? So heißt das Pressehaus in Hamburg jetzt? In blattgoldenen Lettern, gezogen wie sein Scheitel, steht der Name über der Arkade. Helmut-Schmidt-Haus – ehrlich jetzt? Mensch, wo bin ich hier?

Mit dem Fahrstuhl nach oben, wie Tausende Male, bevor ich hier im Jahr 1998 von der Fahne ging. Kurz vor dem ZEIT-Jubiläum bin ich jetzt geladen, mir den Laden einmal anzusehen, als Außenstehender quasi, aber vorbelastet.

Man kennt diese Täuschung: Meine Dorfkirche, in der Kindheitserinnerung eine Kathedrale, ist bei meiner Rückkehr so winzig. In der ZEIT-Redaktion ist es umgekehrt. Der Flur erscheint so endlos lang, man meint die Erdkrümmung zu erkennen. Diese Sinnestäuschung klärt sich auf. Die Mauern sind durchbrochen, die Zeitung ist tief ins Nachbargebäude vorgestoßen. Dieses Unternehmen expandiert. Gute Laune, Oma ist in Start-up-Stimmung. Früher waren alle Teppichböden braun, wegen der Kaffeeflecken. Jetzt sind die Böden blau, das wirkt zuversichtlich. Eine Redakteurin sagt: "So wie das viele Blau auf den Titelfotos."

Einen Espresso im Stehen mit dem Redakteur Harro Albrecht. So viel Überlegung, sagt er, so viel Bewegung. "Eine Zeitung ist heute wie eine Smartphone-App: immer neue Updates." Also: neue Rubriken, neue Kolumnen, anderer Aufschlag. Grafik oder Text? Er nennt es Highspeed-Fußball. Früher hätten sie auf Angriff gespielt oder sich hinten reingestellt. "Jetzt spielen wir auf allen Positionen."

Also, hinauf zum Trainer! Sechster Stock.

Giovanni di Lorenzo ist wirklich derselbe feingliedrige Mann wie in seiner Talkshow 3 nach 9: zugewandt und zugleich zurückgenommen. Hier aber eben doch eine andere Person, der Chefredakteur. Vielleicht erscheinen die Kerben in seinen Wangen live deshalb tiefer. Rund 100 Redakteure, alle "wunderbare Überzeugungstäter". Die müsse man mitnehmen, er spricht vom gemeinsamen Durchstehen langer Strecken. Er sagt aber auch: "Man kann nicht jeden mitnehmen. Sonst sind am Ende alle zum Stillstand verurteilt."

Ich blicke in meinen Notizblock, was seine Redakteure davon halten. "Zähmt den Kapitalismus! Dafür hat die Redaktion in der letzten Zeit wenig getan." Wer hat das noch mal gesagt? Ich bin immer so schludrig mit meinen Notizen und mache jetzt genau das, was Giovanni di Lorenzo für feige hält: Ich bediene mich anonymer Quellen. Ein ZEIT-Redakteur sagte mir: "Früher ging es darum, was die Leser wissen sollten, heute fragt man, was sie lesen wollen." Bei dem folgenden Zitat bin ich mir jedoch sicher, dass es vom altgedienten Redakteur Matthias Naß stammt, geformt in tausend Konferenzen mit Gräfin Dönhoff, Theo Sommer und Helmut Schmidt. "Es wird schnell vergessen, auf wessen breiten Schultern wir stehen."

Ein anderer Kollege der ZEIT sagte mir vor meinen Gesprächen im Haus, der Chefredakteur führe mit Wärme. Das spürten dann jene kühl, bis zu denen die Wärme nicht ausstrahle. Giovanni di Lorenzo sagt: "Ich bin im Privaten, wie viele, ein komplizierter Mensch. Aber in der Arbeit versuche ich, klar zu sein. Alles andere macht einen Laden neurotisch." Wenn jemand den Raum verlasse, solle der sich nicht fragen, was ihm eigentlich gerade gesagt worden sei.

Wenn er, ganz im Gespräch, das rechte Bein wie zum Schneidersitz auf den Sessel zieht, gibt das seinem Zäh-Zarten etwas Buddhistisches. Giovanni di Lorenzo verleiht der Zeitung jede Woche neu, was man Sound nennt. Sein persönlicher Ton ist immer noch das Distinguierte der alten ZEIT, auch dieses hanseatische Sie zum Vornamen. Kuno, Sie. Anna, Sie. So ist seine Anrede in Konferenzen selbst bei den engsten Gefährten.

Di Lorenzo spricht ausführlich vom Respekt vor den Altgedienten. Ihnen gibt er einen Platz in seiner Hall of Fame. Und er sagt dann: "Aber allein mit den alten Rezepten wären wir untergegangen."

Wenn in der Krise tatsächlich auch immer eine Chance stecken soll, so hat sich diese der ZEIT früher geboten als anderen Blättern. "Das sage ich on the record: Wir haben wirklich in den Abgrund gesehen."

Die Wende kam mit einem roten Punkt über einem Schwarz-Weiß-Foto auf der Titelseite. Ein Sakrileg – Farbe in der ZEIT? Es begann im Dezember 1998. Die Farbe kam mit dem Chefredakteur Roger de Weck. Vor diesem unglücklichen Vorgänger zieht Giovanni di Lorenzo heute den Hut. "Der hat vieles aufgebrochen. Ohne ihn wären wir nicht, wo wir heute sind." Das war aber auch der Beginn der Prohibition. Auf Konferenzen keinen Whiskey mehr, erinnere ich mich und nippe, wie Giovanni di Lorenzo, am Jasmintee.