Es ist Jahrzehnte her. Ich war neu bei der ZEIT, ein fleißiger freier Mitarbeiter. Spätabends war ich auf dem Redaktionsflur unterwegs, da begegnete mir der ZEIT geist. Er war ein dünner, kleiner Mann, der sich von hinten anschlich, mich ansprang und mir Fragen stellte: "Wie viele Sprachen sprechen Sie? Sprechen Sie Russisch? Französisch? Italienisch?" Und ungläubig aufgrund meiner Antworten rief er: "Neiiin???" Seine Stimme hatte etwas Schnarrendes. Kopfschüttelnd ließ er mich stehen. Ich war perplex.

Später erfuhr ich, dass dieser Mann einen sehr guten Namen hatte, mit dem sich zahlreiche Legenden verbanden: René Drommert, 1905 in Riga geboren, war ab 1957 Redakteur im Feuilleton gewesen. Er schrieb über Musik, Theater, Ballett, Film und Kunst. Als Drommert Rentner wurde, sah es für ihn nicht gut aus. Er hatte an der Hamburger Uni 1933 seinen Professor, den Romanisten Walther Küchler, gegen die Nazis verteidigt und war von der Hochschule geflogen. Die resultierende Lücke in seinem Lebenslauf führte zu einer mickrigen Rente. Doch Bucerius zahlte ihm weiterhin ein Honorar. Und Drommert durfte am Controlling vorbei ein Zimmer bei der ZEIT behalten. Noch viele Jahre nahm er an der Freitagskonferenz teil, und er blieb stets ein Freund des Hochprozentigen und der jungen Damen. Ganz habe ich das Versagen im Drommert-Test nie verwunden. Doch eins habe ich von Drommert gelernt: Als einmal ein Büro leer stand, hab ich es besetzt. Als freier Mitarbeiter! Seither habe ich ein Büro am Speersort. Ein Freund des Hochprozentigen und der jungen Damen bin ich sowieso. Aber dass ich es bis zum ZEIT geist schaffe, wage ich nicht zu denken.

Burkhard Straßmann ist Redakteur im Ressort Wissen