Noch immer denke ich an Schulrat Schneiderhan. Ich stelle mir vor, wie er am Kiosk die ZEIT sieht und schnell weitergeht. Wie er zu Hause sitzt und sich fragt, wann er hätte merken müssen, dass er diesem Journalisten nicht trauen darf. Wie er den Augenblick verdammt, als er sich auf die Bitte des Reporters einließ, ihn zu der toten Lehrerin zu befragen, die er kaum kannte – und deren Fall am Ende seine Karriere zerstörte.

Ende einer Dienstzeit heißt mein Text, der Anfang 2007 veröffentlicht wird. Er handelt von einer Grundschulpädagogin, die an der harschen Kritik der Schulaufsicht an ihrer Arbeit zerbrach. Der Beitrag gehört zu den wichtigsten, die ich in meinen 15 Jahren in der ZEIT über Schulen geschrieben habe. Gleichzeitig denke ich am wenigsten gern an ihn zurück.

Schneiderhan, der Name ist ein Pseudonym, trägt Nadelstreifenanzug, Krawattennadel, die Haare mit Gel frisiert. Er erinnert mich an einen Manager, der marode Betriebe saniert.

Die Mariannen-Schule in Essen-Katernberg ist in Schneiderhans Augen ein Sanierungsfall: Kinder aus Einwandererfamilien, mit denen die Lehrer nicht zurechtkommen. Klassen, in denen mehr als die Hälfte der Schüler beim Lesetest nicht einmal Minimalanforderungen erfüllen. Ein überaltertes Kollegium, das sich den Reformerwartungen der Bildungsbehörde widersetzt. Als sich nach mehreren Ermahnungen keine Besserung abzeichnet, ordnet der Schulrat eine Inspektion der Schule samt Unterrichtsbesuchen an.

Bei den Lehrern sorgt die Ankündigung für Panik. Petra Sperfeld fürchtet sich besonders. Sie ist ledig, kinderlos, die Schule ist seit 24 Jahren so etwas wie ihre Familie. Kaum jemand im Kollegium zeigt mehr Engagement für "ihre Kinder", wie Sperfeld sie nennt.

Kaum jemand ist aber auch so verunsichert angesichts der Veränderungen, die in der Post-Pisa-Zeit auf die Lehrer niedergehen. Die Schule soll Ganztagsbetrieb werden, das Lernen in den ersten beiden Jahren klassenübergreifend sein. Lehrer müssen Lernberichte schreiben. War denn alles falsch, was wir gemacht haben, fragt Sperfeld eine Kollegin.

Am Tag der Inspektion läuft für Petra Sperfeld alles schief. Sie bekommt die Schüler nicht in den Griff, am Ende der Vorführstunde steht sie brüllend vor der Klasse. Schulrat Schneiderhan sieht sich bestätigt und handelt. Er verwarnt die "Minderleister", wechselt die Leitung der Mariannen-Schule aus und bringt neue, schneidige Lehrer ins Kollegium. Tatsächlich werden die Lernergebnisse der Schüler in der Folgezeit besser.

Für Petra Sperfeld bricht die Welt zusammen. Nur mithilfe von Medikamenten kann sie noch arbeiten. Als sie ihre Klasse verliert und zur Springerin degradiert wird, meldet sich die 51-Jährige krank. Kurze Zeit später wird sie tot in ihrer Wohnung gefunden. Als Freunde und Kollegen die Nachricht hören, denken sie an Selbstmord. Der Gerichtsmediziner stellt einen natürlichen Tod fest, wahrscheinlich Herzinfarkt.