Am 8. November 2013 fegte der Jahrhunderttaifun Haiyan über die philippinische Stadt Tacloban. Ich war damals Asien-Korrespondentin in Peking und fuhr sofort ins Katastrophengebiet. Ich wusste nicht, was mich erwartete. Und ob ich überhaupt nach Tacloban vordringen würde. Fast alle Fluglinien hatten den Verkehr eingestellt.

Ich hatte Glück. Gemeinsam mit einem philippinischen Kollegen bestieg ich eine winzige Maschine. Als wir uns im Anflug auf Tacloban befanden, wurde es mit einem Mal ganz still im Flieger. Niemand sprach, alle starrten aus dem Fenster. Keiner von uns hatte jemals eine Zerstörung solchen Ausmaßes gesehen.

Eine Flutwelle hatte die Stadt in Schutt und Asche gelegt. Fast kein Gebäude stand mehr, von vielen war nur mehr der geflieste Boden zu erkennen. Mächtige Eisenträger ragten in die Luft, Lkw hingen in Bäumen. Ein gewaltiges Schiff hatte es aus dem Meer kilometerweit in die Stadt getragen, jetzt thronte es wie die Arche Noah auf Ruinen.

Auf dem Flughafen herrschte Hektik. Flüchtlinge drängten sich vor den Schaltern, um eines der Flugzeuge auf andere Inseln zu erwischen. Internationale Hilfsorganisationen landeten, die Rotoren der amerikanischen Luftwaffe übertönten alles, Soldaten warfen Güter auf große Stapel.

Als wir in die Stadt fuhren, nahm ich jenen Geruch wahr, von dem ich bis dahin nur gelesen hatte: Leichengeruch, ekelhaft und süßlich. Schwarze Leichensäcke säumten die Straßenränder.

Wo immer wir haltmachten und mit Menschen sprachen, trafen wir auf die Katastrophe. Jeder hatte die Flutwelle aus einem anderen Winkel erlebt. So viele Familien hatten Kinder, Eltern und Großeltern, hatten ihre Häuser und ihr Hab und Gut verloren. Jeder hier war dem Tod begegnet.

Es war unendlich bedrückend. Und gleichzeitig erschien mir das Leben nie strahlender als inmitten dieser Finsternis. Menschen lachten und winkten uns zu, überall in der Stadt. Fast jeder, mit dem wir sprachen, sagte diesen Satz: "I am a survivor" – "Ich bin ein Überlebender." Es lag so viel Kraft und Stolz darin, so viel Ungläubigkeit, in einer Stadt, nach der der Tod gegriffen hatte, überlebt zu haben.

Die Menschen stürzten sich in die Arbeit, räumten Schutt beiseite, gruben nach Verschütteten, bargen Leichen. In einem total überforderten Staat organisierten sie sich aus eigener Kraft.

Da waren die unverwüstlichen Gastronomen, die in den Ruinen bereits Spanferkel grillten, während auf der Straße noch die Leichensäcke ihrer Abholung harrten. Da war der schwule Friseur, der in aller Seelenruhe seine Habseligkeiten putzte. Sein Slum war komplett zerstört, die Häuser waren wie Pappkisten in den Fluss gefallen. Und am Ufer kauerte der Friseur und reinigte mit einer Zahnbürste, was ihm geblieben war.

Da waren die Kinder neben einem Massengrab, in das Freiwillige einen Toten nach dem anderen warfen. Und auf der Straße daneben ließen die Kinder rote Luftballons steigen. Sie lachten und tanzten, was wussten sie vom Tod? Sie lebten.

Am Abend fuhren wir an einer kleinen weißen Kirche vorbei, der das Dach fehlte. "Warte", sagte der philippinische Kollege plötzlich. Vor dem Zaun kauerte eine Frau im weißen Kleid. Sie mochte vielleicht zwanzig sein, ihr Haar war dicht und lockig.

Vor ihr lag ein Leichensack, der an beiden Enden platt war. Das, was darin lag, war augenscheinlich sehr klein. Es war ihre Tochter. Die Flutwelle hatte sie der Großmutter aus dem Arm gerissen. Lange hatte die Frau nach ihrem Kind gesucht. Nach zehn Tagen fand sie es, unter einem Leichenberg. Wie sehr hätte sie dem Kind ein Begräbnis gegönnt. Jetzt saß sie hier und wartete auf den Lkw, der ihr Kind zum Massengrab bringen sollte.

Wir saßen lange, Arm in Arm, und weinten. Ich streichelte ihr Haar, während ihre Tränen mein Hemd nässten. Später liefen wir die Straße entlang, und mir fiel auf, wie schön der Mond war. Voll und riesengroß, beleuchtete er die Zerstörung. Ich konnte nicht begreifen, wie an einem solchen Ort ein so zärtlicher Mond am Himmel stehen konnte.

Angela Köckritz ist Redakteurin im Ressort Politik und war von 2011 bis 2015 Korrespondentin in Peking