Im September 2015 ziehe ich los, weil ich eine Reportage über Flüchtlinge und Salafisten schreiben will. Von einer Aktivistin wird mir ein Name genannt: Maguy (sprich Mäggi) Merheby, "ein Flüchtling aus dem Libanon, der dir einiges erzählen kann". Merheby und ich verabreden uns per SMS in einem Berliner Café. Die Tür geht auf, und herein tritt – eine Transsexuelle, Mitte 20, mit langen, metallicgrünen Fingernägeln, einer Schwarzhaarperücke und Wimpern wie Liza Minelli.

Nach zwei, drei Sätzen haben wir die Sache mit den Salafisten vergessen. Sie trägt ein Kreuz um den Hals, wie Madonna in den achtziger Jahren, und ist gleich mittendrin in ihrem Entwicklungsroman: Als Vierjähriger hat Madschid, so hieß Maguy früher, bereits gewusst, dass er im Grunde ein Mädchen ist – was seine streng islamischen Eltern, die zwei Brüder und drei Schwestern nie erfahren durften. Obendrein ist er schwul. "Das kennen sie in Tripoli, meiner Heimatstadt, gar nicht." Mit 18 bekam Madschid im Haus seiner Eltern keine Luft mehr, ging nach Beirut – der einzigen Stadt im Nahen Osten, in der es nicht nur vier Schwulen-Bars gab, sondern ein Schwulen-Hamam – und verwandelte sich auch äußerlich in Maguy. Es ist immer riskant, Schwule sind auf der Straße vogelfrei – was Maguy in der ihr eigenen tough girl- Pose aber nicht gelten lässt. "Schwulsein ist im Grunde einfach: Du gehst als Mann raus, und wenn du es nicht willst, sieht niemand dir etwas an. Aber Transgender – das ist ein echter Akt!" Ihre schwulen Freunde hätten oft nicht den Mut gehabt, auf den Straßen Beiruts neben ihr zu gehen, sie hätten sich geschämt. "Feiglinge!", schnaubt sie spöttisch.

Als immer mehr Syrer ins Land kamen, wurde es brenzlig. Mit dem Beiruter Motto "Leben und leben lassen" war es vorbei. Die Schwulen mussten vor Hisbollah fliehen, vor Salafisten, vor der Polizei. Und jetzt hatte auch noch die Familie erfahren, dass ihr Madschid in Wahrheit Maguy ist. Ihr Bruder droht bis heute, sie auf der Stelle zu erschießen, er hat sich "ihr zu Ehren" sogar eine Waffe besorgt. Als Maguys Name im Fernsehen genannt wurde – anlässlich einer Drag-Show, auf die sie besonders stolz ist, weil sie die Kostüme selbst erfunden hat –, war es aus. Die Polizei sperrte sie ins Gefängnis. "Die Deppen haben stundenlang überlegt, in welches: für Männer oder Frauen? Sie haben sich dann für Frauen entschieden." Während wir reden, schaut Maguy Merheby sich im Café um. Es freut sie, dass keiner hier Notiz von ihr nimmt. Die Studenten gucken in ihre Laptops, diskutieren oder knutschen. Herrlich.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Der Anwalt ihres Freundes holte Maguy nach einer Horrorwoche, über die sie nicht reden will, aus dem Knast. Sie floh nach Istanbul. Im Szeneviertel Beyoğlu, zwischen den Cafés, Discokugeln und Shisha-Bars gibt es ein Haus, in dem nur Transgender-People wohnen. Man nimmt morgens Prozac, etwas Kokain oder Speed, um über den Tag zu kommen. Offiziell arbeiten dürfen Flüchtlinge in der Türkei nicht. Merheby hat in Istanbul einiges über die tiefe Ambivalenz arabischer Männlichkeit gelernt, über die Mischung aus Sehnsucht und Hass, die jemand wie sie auf sich zieht. "Die Freier waren alle arabische Männer. Feine Herrschaften! Erst vertreiben sie uns aus der Heimat, mit ihrem schwulenfeindlichen Gekreische. Dann kommen sie und wollen Sex und flennen in unseren Armen!", sagt Maguy.

In Berlin ist sie glücklich. Ein Wunsch ist da allerdings noch – vorgetragen in verblüffender Selbstverständlichkeit. Der deutsche Staat soll ihr, bitte schön, die Geschlechtsumwandlung bezahlen, nach der sie sich schon so lange sehnt. Im Libanon ist so was undenkbar. Sie will auch gar nicht die ganz große OP, den Schwanz will sie behalten. "Aber Brüste, ich brauche Brüste", sagt Maguy. "Wenn ich erst Brüste habe, kann ich Großartiges für diese Gesellschaft leisten."

Mariam Lau, Ressort Politik. Siehe auch ZEIT Nr. 39/15