Am Ende dieser Geschichte setzt uns Juri am Flughafen einer ukrainischen Stadt mit dem Namen Dnipropetrowsk ab, hievt unsere Koffer aus seinem Hyundai und braust davon. Wir sind noch am Leben. Juri hat uns nicht umgebracht. Das war nicht immer sicher.

Juri, aufgewachsen in einer ärmlichen Kleinstadt an der russischen Grenze, schlug sich so durch, bis 2014 der Krieg kam. Und das Merkwürdige am Krieg ist, dass in all der Vernichtung und dem Tod plötzlich das Leben die sonderbarsten Pirouetten dreht. Biografien werden zerrissen, neu zusammengesetzt und weitergesponnen. An manchen Orten fallen plötzlich Hunderte Journalisten ein, alle auf der Suche nach lokalem Support: Fahrern, Übersetzern oder Stringern, also Menschen, die ein volles Adressbuch haben, ihre Stadt wie ihre Westentasche kennen und Kontakte vermitteln. Wer früher Englischlehrer war, dolmetscht jetzt für einen amerikanischen Fernsehsender. Wer Student war, wird Helfer beim Roten Kreuz. In wenigen Wochen lässt sich so viel Geld verdienen wie sonst in einem Jahr. Der Krieg fragt nicht nach Qualifikationen oder Diplomen. Juri hatte den Hyundai mit herausgerissenem CD-Player und abgenutzten Stoßdämpfern. Also erfand er sich als Fahrer neu. Allerdings gehört Autofahren nicht zu Juris Stärken. Doch in diesen Zeiten waren Fahrer rar. Es hätten wohl auch solche Arbeit gefunden, die gar keinen Führerschein besaßen, nur ein Auto.

An einem Julinachmittag 2014 holte uns Juri am Bahnhof von Charkiw ab. Wir hatten drei kugelsichere Westen dabei, eine für mich, eine für den Fotografen, eine für unseren Stringer. Juri wollte keine tragen.

Die folgende Woche verbrachten wir Tag und Nacht zusammen. Wir wollten in die Stadt Slawjansk. Über Monate war sie die Hauptstadt der antiukrainischen Separatistenbewegung, eine Melange aus unzufriedenen Bürgern und russischen Geheimdienstlern, die mittendrin ihr Waffenlager aufgeschlagen hatten. Von hier war der Krieg in der Ostukraine ausgegangen. Im Juli waren die Separatisten in das 70 Kilometer entfernte Donezk geflohen. Plötzlich fand sich Slawjansk unter ukrainischer Kontrolle wieder. Wir wollten beschreiben, wie das aussieht: erst gegen den ukrainischen Staat kämpfen und ihn dann bejubeln.

Wir ließen die rußigen Schlote Charkiws hinter uns, bald zogen Sonnenblumenfelder an uns vorbei, Juri hielt an und schenkte mir eine Sonnenblume. Dann trat er aufs Gas, das Auto hüpfte über die Einschläge im Asphalt, Dämmerung zog auf, doch Juri wollte schneller sein als die Nacht. Dann war es dunkel. Wir fuhren an etwas vorbei, das wie ein parkendes Auto aussah. Juri drehte sich um, wie seltsam, offenbar wechselte in dieser gottverlassenen Gegend jemand einen Reifen. Dann krachte es auch schon, und vorne rechts zerbarst unser Reifen. Juri blieb stehen, holte aus dem Kofferraum den Ersatzreifen, und eine halbe Stunde später erreichten wir den ersten Checkpoint der ukrainischen Armee. Er lag in vollkommener Dunkelheit. Juri raste darauf zu, er gab Gas, bis wir schrien wie Kinder in der Achterbahn. Er bremste, bevor das Auto in die Betonstelen der Armee krachte oder von Gewehrkugeln durchsiebt wurde. Er hatte den Checkpoint nicht bemerkt.

Eine andere Eigenart des Krieges ist, dass sich Fremde unvermittelt zu Schicksalsgemeinschaften zusammenschließen. Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, sie kennen sich kaum beim Vornamen, aber vertrauen einander ihr Leben an. Man fährt die Front ab und hofft, dass die eigene Menschenkenntnis einen nicht trügen möge und der Fahrer einen guten Instinkt hat, und falls geschossen wird, hofft man auf gute Nerven.

Fast immer sind es Männer, die sich als Fahrer anbieten. Mir kam es so vor, als schluckten sie ihre Angst hinunter. Ein Soldat am Checkpoint warnt, dass Scharfschützen auf jedes Auto schießen? Egal, wenn man schnell genug fährt, wird es schon gehen. Als Frau kann man sagen: Ich möchte dort nicht hin, ich habe Angst. Als Mann zuckt man die Schultern, lacht nervös und steigt ein. Männer haben nicht weniger Angst, aber sie legen einen Mantel der Unverwundbarkeit um sich. Nur selten geben sie zu, dass sie nicht nur um die Familie fürchten. Einmal erzählte mir einer, der ein ganzes Fuhrunternehmen hatte, wie ihn der Krieg dick gemacht habe. Wo geschossen wurde, war er mit TV-Reportern und Nachrichtenagenturen immer vorn dabei. Er, Typ Schimanski, schien sieben Leben zu haben. Nachts aber, daheim bei der Familie, begann er maßlos zu essen. Er vertilgte Fleisch- und Brotberge, aß, bis das Adrenalin aus seinem Körper wich. Am nächsten Tag stieg er wieder ins Auto und fuhr an Orte, die andere mieden.