Die Heiratsvermittlerin wohnte in Haiphong, einer Stadt berühmt für Hafen und Mafia. Meine Übersetzerin Thuy hatte die Telefonnummer auf vietnamesische Weise bekommen: Man fragt jemanden, den man kennt, ob er jemanden kennt, und so war sie irgendwann zu Frau Nam durchgereicht worden. Die vermittelte junge vietnamesische Frauen als Bräute an koreanische Männer. Thuy hatte zugesichert, sie könne ein paar Interessenten nennen.

Ich hatte eine ältere Frau erwartet, aber Frau Nam sah höchstens aus wie Mitte dreißig. Sie trug eine enge Jeans zur schwarzen Bluse. Mir fiel auf, dass ihre Haut für die einer Vietnamesin sehr rein war – offenbar verbrachte sie kaum Zeit an der schmutzigen Luft. "Ich grüße dich, große Schwester", sagte ich zu ihr, als ich in ihr Wohnzimmer trat. "Ich bin eine Cousine von Thuy aus Deutschland." Das war geschwindelt, aber anders wäre ich nie in die kriminelle Szene der Heiratsvermittler vorgedrungen.

"Deutschland!", sie strahlte mich an. "Kennst du einen Mann für meine Tochter?" Sie strich leicht über meinen Arm und stieg die Treppe in den dritten Stock. Während sie uns in das Zimmer ihrer 25-jährigen Tochter führte, erzählte sie, dass sie das Mädchen schrecklich gern an einen Amerikaner oder Deutschen verheiraten würde, auf keinen Fall an einen Koreaner: "Die haben nicht viel Geld und behandeln die Frauen schlecht." Die Bräutigame seien Farmer oder Arbeiter mittleren Alters aus der koreanischen Provinz. Immer wieder schwappten Geschichten von Missbrauch und Gewalt herüber nach Vietnam. Nam öffnete die Tür zu ihrem eigenen Schlafzimmer. Auf dem Schreibtisch stapelten sich sieben Dokumentenpakete in Klarsichthülle. In jedem befand sich ein Pass mit einem Antrag auf ein koreanisches Visum, dazu Passfotos von jungen Mädchen. Den Bräuten. Frauen vom Land, die Korea vor allem aus den glamourösen Fernsehserien kannten und die sich wildfremden Männern anvertrauten, um der Armut Vietnams zu entkommen.

Sie sei seit elf Jahren im Geschäft und könne problemlos neue Frauen finden, warb Frau Nam. Geld nehme sie von ihnen nicht. Wir gingen nach unten in ein großzügiges Wohnzimmer. In einer Vitrine standen mehrere Flaschen Whiskey. Keine Frage, Frau Nam war reich. Beim Tee erzählte Frau Nam von ihrem Geschäft: Sie organisiert Castings, auf denen sich Mädchen den Männern vorstellen, bucht anschließend die Hochzeiten in Viersternehotels und begleitet die Frischvermählten zu ihrem Flitterwochenende an die Bucht von Halong. Die Berge, die sich dort aus dem Meer erheben, sind so schön, dass sie zum Weltkulturerbe gehören. "Was machst du eigentlich?", wollte Frau Nam von mir wissen. "Ich bin Schriftstellerin", log ich, "und arbeite an einem Buch über vietnamesische Kultur."

Ihre Stimme wurde hart. "Was willst du dann von mir?"