Oktober 2003, ein halbes Jahr nach Beginn der Irak-Invasion. Noch immer durchkämmen Waffeninspektoren und US-Soldaten das Land nach Massenvernichtungswaffen, mit denen die USA ihren Angriff begründet hatten. Mittlerweile dämmert es selbst der Bush-Regierung: All die mobilen Bakterien-Labors, afrikanischen Uran-Lieferungen und Al-Kaida-Trainingscamps – sie existieren nicht. Aber wie kamen die Fantasieberichte in die Welt? Wer im gewaltigen Apparat der Geheimdienste hat versagt, verzerrt, gelogen?

In Washington setzen sich unser damaliger Amerika-Korrespondent Thomas Kleine-Brockhoff und ich ins Auto, um nach Virginia zu fahren. Dort, im Shenandoah-Tal, wohnt eine Frau, von der wir uns Antworten erhoffen.

Wir stehen vor einem Farmhaus. Karen Kwiatkowski, Oberstleutnant der US-Luftwaffe, öffnet die Tür und lädt uns in ihre Küche ein. Die damals 43-jährige Harvard-Absolventin hat nach zwanzig Jahren beim Militär ein neues Leben begonnen. Über die knarzige Holztreppe trappeln ihre vier Kinder, ihr Mann ist draußen unterwegs, zwischen Pferden und Kühen. Sind wir hier wirklich richtig?

Dann können wir nicht fassen, was wir hören. Kwiatkowski redet in Hochgeschwindigkeit, sie wird immer aufgewühlter, je länger sie an das zurückdenkt, was sie 2002 im Pentagon erlebt hat. Vor unseren Augen wird eine Geheimnisträgerin zur Whistleblowerin.

Kwiatkowski gehörte als Analytikern zur Pentagon-Abteilung Naher Osten, Arbeitsgruppe Nordafrika. Ihre Büronachbarn beschäftigten sich mit dem Irak. Jedenfalls taten sie das bis zum August 2002. Da plötzlich schwoll die kleine Arbeitsgruppe auf 20 Leute an und bekam einen neuen Namen: Office of Special Plans. Dessen Mitarbeiter sind handverlesen – aber nicht etwa aufgrund nachrichtendienstlicher Expertise, sondern wegen ideologischer Zuverlässigkeit. Das Office of Special Plans ist das Irakkriegs-Begründungskommando von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Vizepräsident Dick Cheney. Die Neokonservativen-Clique um George W. Bush hat längst beschlossen, Saddam Hussein für die Anschläge von 9/11 verantwortlich zu machen. Jetzt muss bloß noch die Anklageschrift her.

Auch Karen Kwiatkowski soll helfen, diese zu verfassen. Sie bekommt Anweisung, künftig vorgefertigte Textbausteine über den Irak in ihre Berichte zu kopieren. "Wir wussten, dass Saddam einmal versucht hatte, sich Uran aus Afrika zu besorgen", sagt sie, "das war in den achtziger, neunziger Jahren. Aber in unseren Berichten stand, dass er es aktuell versuche. Saddam trainiere Al-Kaida-Leute, lautete eine andere Behauptung. Das war Propaganda im eigenen Hause, keine Geheimdienstarbeit! Sie haben sich aus Informationsfetzen ein Wunschbild zusammengesetzt."