Der Weg zu Wladimir Putin führte im Spätherbst 1999 an das Moskwa-Ufer. In einer Biegung des Flusses steht das Weiße Haus, ein massiver weißer Kasten, in dem die russische Regierung sitzt. Damals residierte Putin noch nicht im Kreml, bis heute meidet er die rote Festung im Alltag, wenn möglich. Es war ein regennasser, eiskalter Novembertag, als uns der Fahrer der ZEIT in Moskau vor die Stufen des Weißen Hauses fuhr. Wir, das waren der stellvertretende ZEIT-Chefredakteur Thomas Brackvogel, der Diplomatische Korrespondent Christian Schmidt-Häuer und ich, der Moskauer Korrespondent. Ein Protokollbeamter nahm uns in Empfang und führte uns durch ein Labyrinth von Korridoren in dem 18-stöckigen Gebäude aus der späten Breschnew-Zeit.

Innen trug der Bau die alten russischen Herrschaftsinsignien. Als wir in Wladimir Putins Besprechungssaal traten, sahen wir schwere Holzvertäfelung an den Wänden, hohe, stuckverzierte Decken, Kassettentüren, einen auf Hochglanz polierten Edelholztisch mit Einlegearbeiten. Darauf eine Standuhr mit dem Wappen der Russischen Föderation und zwei Füllfederhalter, daneben ein schweres Kristallglas mit Bleistiften. An der Wand hing ein Porträt von Peter dem Großen, dem legendären Zaren und Begründer von Putins Heimatstadt St. Petersburg. Wir saßen auf lederbezogenen Holzsesseln mit kleinen Raubtiertatzen auf den Armlehnen.

Da betrat Putin den Raum. Wir standen auf, er ging schnellen Schrittes auf uns zu, mit seinem charakteristischen Wildgans-Gang, den er auch heute noch im Georgssaal des Kremls vor einer großen Rede hinlegt. Er ist nicht groß gewachsen, aber Augenhöhe ist wichtig, deshalb stand er so gerade gereckt vor uns, wie es nur ging. Er drückte uns allen fest die Hand, sagte in einem nur leicht akzentuierten Deutsch: "Guten Tag, meine Herren." Im Interview sprach er allerdings auf Russisch. Das macht er auch heute noch. Aber in vielen anderen Dingen war er ganz anders als heute.

Wir trafen einen eher schüchternen, bescheidenen Mann, nicht laut, nicht muskelspielend, nicht autoritär respektheischend im Auftritt, sehr kontrolliert, fast ein bisschen linkisch in den Bewegungen. Er bemühte sich um Freundlichkeit und Gastfreundschaft, nicht um Einschüchterung. Der Putin von damals, bei seinem Machtantritt, das war kein Mann, der mit nacktem Oberkörper auf Pferden saß, keiner, der im Froschmannkostüm Amphoren entdeckte oder in Kampfjets über den Polarkreis donnerte. Der Putin von damals war ein eher unscheinbarer Bürokrat aus der Tiefe des Sicherheitsapparats, kein geborener Anführer. Ein Zufall hatte ihn, den ehemaligen Chef des Geheimdienstes FSB, in diese Position gebracht. Eine kleine Schicksalswendung konnte ihn auch wieder aus dem Zentrum der Macht vertreiben. Er war neu, angreifbar und suchte nach Zustimmung, Rückhalt und Zusammenarbeit.

Heute attackiert Putin den Westen bei jeder Gelegenheit. Damals versuchten wir, ihm etwas Kritisches gegen Amerika oder die Nato zu entlocken, schließlich hatte die Nato im Kosovokrieg noch ein halbes Jahr zuvor den russischen Verbündeten Serbien bombardiert. Viele Menschen in Russland witterten eine antirussische Verschwörung, sahen Arroganz des Westens. Und Putin? Er verkniff sich jedes kritische Wort. Er warnte stattdessen vor dem Terrorismus, bei dessen Bekämpfung "die ganze Welt enger zusammenwirken muss". Er hatte damals ganz andere Sorgen als das Kosovo oder die Alleingänge der USA in weltpolitischen Fragen.

Plötzlich lag seine Faust auf dem polierten Edelholztisch. "Tschetschenien", sagte er, "Tschetschenien ist zu einem Weltzentrum des internationalen organisierten Verbrechens und Terrors geworden." Er erzählte von Menschenraub und Waffengeschäften, Anschlägen und Banditenüberfällen. Von Berufssöldnern, Diversanten und Terroristen. Der Marktplatz der tschetschenischen Hauptstadt Grosny, wo die russische Armee ein Massaker unter der Zivilbevölkerung angerichtet hatte, war für ihn nur ein "Waffenmarktplatz".