DIE ZEIT: Alles Gute zum Siebzigsten, Herr Ladwig!

Uwe Ladwig: Danke.

ZEIT: Eigentlich hatten wir hier ein "gleichfalls" erwartet ...

Ladwig: Das fällt mir bei Ihnen schwer. Wie alt ist eine Zeitung? Ihr Helmut Schmidt war über 90 – aber drogensüchtig, zugleich rechtskonservativ. Einerseits. Andererseits wirkt die ZEIT wie um die 40, würde ich sagen. Wenn man ihr anmerken würde, dass sie 70 ist, wäre das ja auch fatal.

ZEIT: Immerhin haben Sie und wir am selben Tag Geburtstag, dem 21. Februar 1946. Die Wetterstation Hamburg-Fuhlsbüttel meldete damals minus ein Grad und zwei Millimeter Niederschlag, vermutlich Schnee. Haben Ihnen Ihre Eltern später mehr über diesen Tag erzählt?

Ladwig: Nein. Ich kenne noch nicht mal das Krankenhaus, in dem ich in Hamburg geboren wurde. Meine Mutter war krank, Nierenbeckenentzündung. Die Situation war beschissen, ich war ein spätes Opfer des Krieges. Der Winter war kalt, es gab wenig zu essen, wir waren nicht reich. Die ersten Jahre waren kein Spaß.

ZEIT: Dem Frieden war noch nicht zu trauen?

Ladwig: Mein Vater, ein Tischlergeselle aus Pommern, war als Soldat bei der Wehrmacht gewesen. In Russland. Verwundet, Lazarett, Gefangenschaft.

ZEIT: Was ist dann Ihre erste Erinnerung an Politik?

Ladwig: In unserer Familie wurde viel über Politik gesprochen. Mein Vater war durch seine persönliche Erfahrung überzeugt, dass es doch ziemlich sinnlos sei, Krieg zu führen. Er war ein Sozialdemokrat in der Adenauer-Republik. Was ich damals mitbekommen habe: dass viele alte Nazis in neuen Ämtern waren. Allgemein den Widerspruch zwischen politischem Reden und politischem Handeln.

ZEIT: Wie sehr staunen Sie heute darüber, in einer historisch einmaligen Zeit des Friedens gelebt zu haben?

Ladwig: Ich habe nicht das Gefühl, dass wir 70 Jahre Frieden hatten. Wir hatten den Kalten Krieg. Und der war geprägt von Ängsten, die bewusst geschürt wurden. Jeden Tag wurde den Menschen auf beiden Seiten unter die Haut gerieben: Der Feind kann jederzeit kommen.

ZEIT: Vor unserem Treffen haben Sie einen umfangreichen Lebenslauf an die Redaktion geschickt. Mitten im Kalten Krieg, von 1970 bis 1973, haben Sie in der Tschechoslowakei gelebt. Wie kam es dazu?

Ladwig: Ich hatte in Hamburg eine Tschechin kennengelernt, die aus Prag zu Besuch war. Wir haben 1969 geheiratet. Nach meinem Abitur über den zweiten Bildungsweg habe ich mir gesagt: Es wäre ein Fehler, jetzt sofort zu studieren. Ein Fehler, nicht wenigstens mal die Sprache und die Kultur meiner Frau kennenzulernen. Ich habe in Prag als Korrektor und Übersetzer gearbeitet. Und in einem Lehrfilm für Deutsch-Schüler einen jungen Liebhaber gespielt ...

ZEIT: Anschließend waren Sie für einen Elektronikkonzern in Österreich, Großbritannien und Japan. Sie gehören zur ersten globalisierten Generation, der alles offenstand.