Vor zehn Wochen hat Frau Malks sich wieder getrennt. Es war das sechste oder siebte Mal, sie hat aufgehört zu zählen. Sie war nicht traurig, und sie vermisst auch nichts, noch nicht. Sollte sie Sehnsucht haben, wird Frau Malks zurückkehren – zu ihr, der ZEIT.

Wir Journalisten mögen Widerhaken. Als wir uns vornahmen, über unsere Leser zu schreiben, war klar: Wir müssten auch unsere Kritiker besuchen. So fanden wir Helga Malks, eine Ab-und-zu-Leserin, die unsere Zeitung manchmal liebt und manchmal hasst. Und die ihr Abo vor ein paar Monaten gekündigt hat.

In einem Altbau in Berlin-Charlottenburg öffnet sie die Tür. Helga Malks ist Anfang 70, sieht aber eher aus wie Mitte 50, eine freundliche, patente Frau im Fleecepullover. Sie war Metallografin, heute, als Rentnerin, hilft sie aus im Botanischen Garten. In der Wohnung: Bücherregale, Perserteppiche, Andenken an ihre Reisen – mexikanische Masken, bunte Teller, kleine Kamele. "Ich mag Ihre Zeitung", sagt Frau Malks, "aber sie ist auch ein bisschen arrogant."

Die Besucherin von der ZEIT hat die aktuelle Ausgabe mitgebracht, auf dem Titel ein Apfel mit Heiligenschein. Frau Malks setzt sich aufs Sofa und legt gleich los mit einer Blattkritik. Das Magazin: zu viele Modebilder, "und dann immer die Uhren-Specials! Wer braucht das?" Sie redet sich in Rage, blättert jetzt durch die Politik. Ihr gefalle nicht, dass die Schreiber sich oft benähmen, als wüssten sie besser als Merkel und Gabriel, wie man ein Land regiere. Das Dossier sei ihr häufig zu lang. Drei Seiten für eine Geschichte! Das Feuilleton bespreche immer nur Wagner und Strauss, "sehr alte Schule".

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Der Grund, warum sie vor ein paar Monaten ihre Beziehung zur ZEIT kündigte, war eine Anzeige der Marke Tod’s für luxuriöse Lederschuhe und Handtaschen, die gleich neben einem Artikel in der Politik über Flüchtlinge platziert war. "Edelreklame neben einer Geschichte über Menschen, die alles verloren haben – das finde ich geschmacklos."

Eine Diskussion beginnt in Frau Malks’ Wohnzimmer, darüber, dass es die Anzeigen sind, die den Platz für unsere Artikel finanzieren – auch für die über das Leid der anderen. Darüber, dass Redakteure keinen Einfluss darauf haben, welcher Kunde die Anzeige neben ihrer Geschichte bucht. Frau Malks nickt, sie versteht. Ein ungutes Gefühl bleibe.

Während sie durch die Seiten blättert, wird sie milder. Man merkt, dass sie an den einzelnen Ressorts und Geschichten wenig auszusetzen hat. Sie mag die Wirtschaft, die Geschichte, das Wissen. Sie kennt alle Kolumnen, die meisten liest sie gern.

Es ist vor allem eine Sache, die Frau Malks an der Zeitung stört: die Masse. Man komme einfach nicht hinterher mit dem Lesen. "Ein Papierberg, der jede Woche wächst. Der liegt dann anklagend auf dem Tisch." Wenn Frau Malks über die ZEIT spricht, klingt es, als habe die Zeitung menschliche Züge.

Die ZEIT, dieses Wesen, habe ihr auch immer mal Geschenke gemacht. Bei ihrem ersten Abo in den Neunzigern erhielt Frau Malks einen Staubsauger von Bosch, den benutze sie noch heute. Dann schenkte die Zeitung ihr Buchgutscheine, beim letzten Abo einen Tankgutschein. "Ich habe gar kein Auto", sagt Frau Malks und lacht ein tiefes, fröhliches Lachen. Sie hätte sich beschweren können. Stattdessen wickelte sie eine Schleife um den Gutschein und schenkte ihn einem Freund zu Weihnachten.

Wann sie die ZEIT wieder abonnieren wird? "Das passiert spontan und nie geplant", sagt sie. So wie es eben ist mit Affären. Vielleicht laufen sie sich bald mal wieder über den Weg, am Kiosk an der Straßenecke. Und vielleicht kommen sie dann wieder zusammen.