Das Wort "Lebenserwartung" bekommt einen seltsamen Klang, wenn man an sehr alte, an uralte Menschen denkt. Was hat man mit, zum Beispiel, 100 noch vom Leben zu erwarten? 100 Lebensjahre, da hört das Statistische Bundesamt auf zu zählen. Man weiß, wie viele Deutsche genau 23, 57 oder 96 Jahre alt sind. Aber 100? 101? 102? Die Statistik kennt nur "100 und älter". Irgendwie scheint das, was ganz am Ende kommt, dann auch egal zu sein.

Manche Menschen jedoch entwickeln einen besonderen Ehrgeiz, wenn sie die magische 100 geknackt haben. Ab und zu liest man von ihnen: Eine 100-jährige Japanerin stellt den Weltrekord im Freistilschwimmen über 1500 Meter auf, Altersklasse 100 bis 104. Ein 101-jähriger Inder läuft Marathon. Eine 102-Jährige verteidigt in Berlin ihre Dissertation.

Hildegard Moege liest die ZEIT.

Sie ist 102 Jahre und zwei Tage alt, als wir uns treffen. Unsere älteste Abonnentin. Sie sagt, dies sei die schönste Zeit ihres Lebens. "So unbeschwert war ich noch nie."

Eine kleine Mietwohnung in Harrislee bei Flensburg, zweiter Stock. Hildegard Moege ist seit 14 Jahren verwitwet, im Telefonbuch ist noch Alfred eingetragen, ihr Mann. Ihre Kinder sind 63 und 73 Jahre alt, die kleine Schwester, 95, lebt längst im Altersheim. Die meisten Freunde: tot oder nicht mehr sehr lebendig.

Hildegard Moege ist eine kleine, zierliche Person mit kurzem grauem Haar und echten Zähnen. Sie kauft selbst ein, neuerdings erst mit Rollator, weil die Kinder darauf bestanden. Sie kocht selbst, putzt selbst. Es ist nicht lange her, da erwischte ihr Sohn sie, wie sie auf einen Stuhl stieg, um mit der Zeitung das Küchenfenster zu wienern. Was für ein Luxus: die Unvernunft des Alters. Was soll schon passieren. Sterben? Kann man doch eh jeden Tag.

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Morgens nach dem Aufwachen ein Anruf beim Sohn, ein Lebenszeichen. Und jeden Nachmittag zum Kaffee, seitdem er ihr zum Neunzigsten das Abo schenkte: ZEIT-Lektüre. Besonders gern liest sie Feuilleton und Wirtschaft. Nicht alles versteht sie. Der Nachruf auf David Bowie liegt auf dem Fußteil des Sessels, ihn kannte sie bisher gar nicht. Was die sozialen Medien sind, davon hat sie eine eher vage Ahnung. Als 1989 das World Wide Web erfunden wurde, war sie 75. Wenn der Sohn nach dem Spaziergang am Rechner ein Foto hochlädt und das Bild auf dem Monitor erscheint, kommt ihr das wie ein Wunder vor. Gerade erlebt, schon Erinnerung.

Doch sie gibt es nicht auf, diese neue Welt da draußen verstehen zu wollen. Artikel, zu denen sie Nachfragen hat, legt sie für verschiedene Familienmitglieder zurecht, je nach Kompetenz: Kinder oder Enkel. Manches liest sie wieder und wieder, mit Was bleibt von Immanuel Kant?, erschienen am 20. Dezember, beschäftigt sie sich einen Monat später immer noch. Artikel über die Flüchtlingskrise verschlingt sie, weil sie das an ihre eigene Geschichte erinnert, das gehetzte Hin-und-her-geworfen-Sein zwischen den Ländern und den Systemen, die Heimatlosigkeit.

Hildegard Moege wurde am 18. Januar 1914 in einem kleinen Dorf im Sudetenland geboren, österreichisch-ungarisches Staatsgebiet. Sie hat noch die Petroleumlampen daheim vor Augen, den Bach, in dem man die Wäsche wusch. Eine Zeitung gab es nicht, Post kam einmal die Woche. Der Erste Weltkrieg hat ihr Dorf nicht erreicht, bloß am Ende änderte sich etwas. Der Staat, in dem sie lebte, hieß auf einmal Tschechoslowakei.