Immer samstags, immer im Lauf des Morgens geschieht es, dass ein feiner Herr von vielleicht 70 Jahren die Bibliothek des Goethe-Instituts betritt, das im Herzen von Colombo, der Hauptstadt von Sri Lanka, in der Gregory’s Road residiert. Sein Name ist Susantha Mahinda Welgama. Herr Welgama nickt in die Runde, dann greift er nach der neun Tage alten ZEIT, die es endlich nach Asien geschafft hat, lässt sich auf einem Ecksofa nieder – immer demselben – und liest und blättert vor sich hin. Den Tee, den man ihm anbietet, nimmt er dankend an. Manchmal fragt er nach der Bedeutung eines Wortes; geduldig lässt er es sich erklären.

Ist die ZEIT mal nicht da, eilt ein Mitarbeiter der Bibliothek fort, um Ersatz zu holen: das Exemplar der Leiterin des Instituts. Herr Welgama, das ist allen klar, besitzt ein größeres Anrecht auf die ZEIT als Frau Dr. Petra Raymond. Niemand im Institut weiß, seit wie vielen Jahren er in die Gregory’s Road kommt. Oder sind es schon Jahrzehnte?

Fragt man Herrn Welgama danach, dann referiert er – bemüht um Vollständigkeit – den Inhalt seines im Eigenverlag auf Deutsch gedruckten Buches Ein Ceylonese im Schwarzwald. Es handelt davon, wie der 28-jährige Susantha, befeuert von Abenteuerlust, im Jahr 1972 durch Afghanistan, den Iran und die Türkei reiste, in Istanbul den Orient-Express bestieg und irgendwie im Badischen landete. Er suchte dort nichts und fand doch vieles: Freunde, Glück, ein eigenes Leben. Außerdem bestand er die Fachprüfung in Gemmologie, der Wissenschaft von den Edelsteinen.

Neun Jahre vergingen. Dann störte sein Vater ihn mit dem kalten Wort Pflicht: Es sei an der Zeit, das Familienunternehmen fortzuführen. Susantha kehrte heim nach Colombo, jetzt Herr über eine Spedition mit drei Dutzend Lkw. Seitdem ist er Stammgast im Goethe-Institut. Über die ZEIT sagt er: "Wenn ich das lese, lebe ich in Deutschland."

Und die Artikel sind nicht zu lang, die Sätze zu kompliziert?

"Man muss trainieren. Wenn man genug trainiert, kann man das umgreifen."

Sein Deutsch ist grammatikalisch sehr präzise. Was die Verwendung der Wörter betrifft, ähnelt Herr Welgama einem Kunstschützen, der auch mal danebenschießt, aber nur ganz knapp. Karikaturen sind für ihn "lustige Skizzen", die Artikel in der Zeitung nennt er "Erzählungen". Aber er trainiert.

Einmal wagte Herr Welgama etwas, er schickte einen Leserbrief nach Hamburg. Er hatte eine Erzählung gelesen über den Tod des Playboys Gunter Sachs. Dieser "sportliche, nette Deutsche", wie Herr Welgama sagt, hatte Selbstmord begangen. In seiner Zuschrift erläuterte Herr Welgama die buddhistische Idee der Wiedergeburt und legte dar, Gunter Sachs habe sein Leben hergegeben, weil er in einem früheren Dasein gesündigt habe.

Der Leserbrief wurde nicht gedruckt.

Herr Welgama, der sich einen "deutschen Patrioten" nennt und schwört, er habe nie einen unfreundlichen Deutschen getroffen, Herr Welgama, der im fernen Colombo die Debatten um das Berliner Stadtschloss verfolgt, Herr Welgama, der Ausländer, der sich stille Sorgen macht über den Zustrom zu vieler Ausländer in sein Deutschland – dieser sanfte ältere Herr hat an jedem Samstag eine ZEIT im Arm, wenn er das Goethe-Institut verlässt. Das Exemplar der Vor-Vorwoche. Herr Welgama ist der beste Altpapierverwerter der Welt. Zu Hause setzt er sich in seinen Bambussessel, "macht beide Beine hoch" und trainiert. Jeden Tag eine halbe Stunde.