Wir bei der ZEIT haben uns in den vergangenen Jahren immer wieder Gedanken darüber gemacht, wie das, was wir so schreiben, überall gelesen werden kann: im Bett, in der Bäckerei, in der Bahn. Wir haben eine App entwickelt und einiges dafür getan, dass ZEIT ONLINE auf Handybildschirmen gut aussieht. Wir haben Leser getroffen und gefragt, was sie sich von uns wünschen. Oft hörten wir die Antwort: eine Anleitung. Wie kann man diese riesige Zeitung im Flugzeug oder in der Bahn auf Papier lesen, ohne den Nachbarn zu belästigen?

Kai Harder, 55 und seit 20 Jahren ZEIT-Leser, hat da seine eigene Technik entwickelt. Er sagt: "Man kann die Zeitung überall lesen, man muss sie nur richtig falten."

Harder liest die ZEIT ausschließlich unterwegs, für ihn ist sie die ideale Bahn-Begleiterin. Er kauft sie am Kiosk und zerlegt sie in ihre Einzelteile, Buch für Buch, bis alle Ressorts getrennt übereinanderliegen: Politik, Dossier, Wirtschaft, Wissen, Feuilleton und so weiter. Obendrauf das Magazin. Die einzelnen Bücher , also etwa das Feuilleton, faltet er dann einmal quer und noch einmal längs – bis er die ZEIT im A4-Format vor sich hat, so groß wie ein Schulheft. Dann wird weitergefaltet, je nach Layout des Artikels: hoch oder quer, manchmal nur eine Spalte breit. Dass dieser Mann von Beruf Künstler ist, wundert einen nicht. "Es muss immer gefaltet werden", sagt Harder. "Das ist die platzsparendste Möglichkeit."

Dieser Artikel stammt aus der Festausgabe zum 70. Geburtstag der ZEIT Nr. 8 vom 15.2.2016.

Einziges Problem: Er kann nicht alles vorfalten, wenn ihn alles interessiert. Dann muss er entfalten, umblättern, neu falten. Nicht mal Harder kommt darum herum, seine Sitznachbarn manchmal zu belästigen. Wer seine Zeitung liebt, muss das aushalten können.

Harder fährt mit der U-Bahn zur Arbeit, 20 Minuten lang. In dieser Zeit liest er zwei bis drei Artikel. Immer zuerst: die Politik.

Um die ZEIT ganz zu lesen, braucht er sieben Stunden. "Mich interessieren etwa 80 Prozent des Politik- und Wirtschaftsressorts. Das Feuilleton lese ich auch fast ganz, nur Theater interessiert mich nicht." Für jede Bahnfahrt steckt er einen anderen Zeitungsteil in seinen Rucksack. Manche Artikel bewahrt er auf. Er schiebt sie zu Hause in eine seiner nach Themengebieten geordneten Mappen.

Mit seinem Vorfalt-Verfahren hat Harder die Zeitung nach zehn Tagen ausgelesen. Dann hat er vier Tage lesefrei. Ein Abo, selbst wenn er eines geschenkt bekäme, wäre für ihn nicht richtig, sagt er. Denn die neue Zeitung käme ja schon, wenn er die der vergangenen Woche noch gar nicht ganz gelesen hätte. Deshalb kauft Harder nur jede zweite Ausgabe der ZEIT. Denn eines darf auf keinen Fall geschehen: dass sein Falt-Rhythmus durcheinandergebracht wird.