Berliner DJ verbietet AfD Nutzung seines Liedes

Persönlich kann Höcke besonnen, freundlich, einnehmend sein. Da gibt er den Unschuldigen. Da lacht er, wenn er merkt, dass er etwas gesagt hat, das sein Gegenüber irritiert: "War doch nicht so gemeint." Unsere aktuelle Interviewanfrage lehnte er ab. Bis zu den Wahlen im März will er Ruhe. Doch hat er früher mehrmals mit der ZEIT gesprochen.

Seine Methode ist es offenbar, den Unerfahrenen zu geben. "Ich bin doch noch nicht lange Politiker", sagte er, als man ihm vorwarf, auf den Spuren der NPD zu wandeln. "Es ist wahnsinnig schwer für mich, 24 Stunden lang jedes Wort zu hüten, konzentriert zu sein. Ich mache eben noch Fehler." Nähe zur NPD? Nie und nimmer! Allzu gern erzählt seine Gefolgschaft die Geschichte vom "ganz normalen Menschen" Höcke und vom bösen Zufall, der stets im Spiel ist bei seinen berühmt-berüchtigten Reden.

Dabei passiert nichts zufällig. Das begreift, wer sich mit den zwei Phasen in Höckes Leben befasst. Die erste Phase ist die seiner verborgenen, die zweite die seiner sichtbaren Radikalisierung. Es war ein langer Weg für den heute 43-jährigen Höcke, bis er sich auf die Bühne stellte und den Volkstribun gab.

Höcke ist Westdeutscher. Aufgewachsen in Neuwied am Rhein, mit Blick auf den Westerwald. Schon als Kind entwickelt er eine Sehnsucht nach Grünem, nach Natur. Läuft lieber die 15 Kilometer von der Schule nach Hause, als sich mit Gleichaltrigen abzugeben. Damals wird er zum Einzelgänger, das verriet er in einem seltenen TV-Interview. Sein erster Berufswunsch: Gärtner, wie sein Opa.

Höcke sprach vom "riesigen großen Bett", in dem er bei Besuchen zwischen Oma und Opa lag, und von deren Erzählungen "aus der alten Heimat". Gemeint war: Ostpreußen, Region Kaliningrad, heute Russland. Oft wurde bei Höckes über Politik diskutiert. Die Erinnerung an die verlorene Heimat – und der Schmerz über die Vertreibung – wurden über die Jahre wohl nicht weniger. Beim Tode seines Vaters und seiner Großmutter schmückt das Wappen der Landsmannschaft Ostpreußen die Todesanzeigen. Der Vater, ein Lehrer wie später auch Björn Höcke selbst, hatte einen speziellen Geschmack. Nach Recherchen des Soziologen Andreas Kemper und der ZEIT hatte er eine Zeitschrift abonniert, die Hitler-Porträts oder Hitlers Landschaftsmalereien auf dem Titel druckte. Ihr Name: Die Bauernschaft. Das Heft war in den neunziger Jahren das auflagenstärkste antisemitische Hetzblatt. Und es war verboten.

Auch die rechtskonservative Wochenzeitung Junge Freiheit (JF) gehörte zum Lesekanon in der Familie. In einer Kondolenzliste für einen rechten Publizisten, die 2005 im Verlag der JF erscheint, taucht der Name von Höckes Vater auf. Auch der von Martin Hohmann. Dieser ehemalige Bundestagsabgeordnete war zuvor aus der CDU ausgeschlossen worden, weil er eine als antisemitisch empfundene Rede gehalten hatte. In einem Solidaritätsaufruf für Hohmann war einer der Unterzeichner: Vater Höcke. Hohmann ist jetzt AfD-Spitzenkandidat für die Kommunalwahlen in Hessen.

Schon früh bewegte sich Höcke in der hessischen Rechtsaußen-Szene. Ein anderer Fixpunkt ist seit Jahren der Pegida-Redner und Aktivist der Neuen Rechten Götz Kubitschek und dessen rechter Thinktank "Institut für Staatspolitik" (IfS). Dort hielt Höcke auch seine "Afrikaner-Rede". Aus den Büchern von Kubitscheks Verlag Antaios ziehe er "geistiges Manna", sagt Höcke. Antaios verlegt Bücher wie Die große Gleichschaltung oder Texte des norwegischen Bloggers Fjordman, auf dessen Ideologie sich auch der Massenmörder Anders Breivik stützte.

Höcke studierte erst Jura, dann Sport und Geschichte fürs Lehramt. Er wurde Oberstudienrat in der osthessischen Provinz, in Bad Sooden-Allendorf. Mit Frau und Kindern zog er auf die thüringische Seite, nach Bornhagen, ins einstige Pfarrhaus. "Hier ist die Welt noch weitestgehend in Ordnung", wird Höcke im Herbst 2014 in einem Abschiedsbrief an seine Kollegen an der Rhenanus-Gesamtschule schreiben, als er längst in den Landtag gewählt ist.

Höcke hängt der romantischen Vorstellung der Vormoderne nach. Im Wald könnten die Schüler ihre Wurzeln spüren, soll er gesagt haben. "Der Fehler, den die Leute machen", sagt eine Höcke-Vertraute, "ist, zu glauben, er wolle 70 Jahre zurück. Quatsch. Der will 100 Jahre zurück. Der will Pflichtgefühl, preußische Tugenden, Turnvater Jahn. Und Kaiser Wilhelm vielleicht auch." Ihren vier Kindern haben die Höckes nordische und germanische Namen gegeben. Namen, die so viel bedeuten wie: "Schutz der Heimat". Und "Widerstand". Höcke blieb all die Jahre politisch unauffällig. Nur hin und wieder blitzten seine Gesinnung, die Lust an der Provokation auf: Er schreibt Leserbriefe. 2003 an die Lausitzer Rundschau: Mozart und Haydn seien deutsche Komponisten, auch wenn sie in Gebieten gelebt hätten, die in Österreich liegen. 2006 schreibt er an die Hessische/Niedersächsische Allgemeine; versucht, Hitlerdeutschland zum Opfer zu stilisieren: "Es ging darum, bis zum Kriegsende eine möglichst große Zahl deutscher Menschen ... zu töten." Als der Brief im Ort Thema wird, muss Höcke in der Schule versprechen, sich so nie mehr öffentlich zu äußern.

Ehemalige Schüler und Kollegen erinnern sich an seinen Hang zum Pathos und Patriotismus, aus dem sein wahres Denken hervorlugte. Im Unterricht gibt er angeblich den Tipp, das Werk Psychologie der Massen von Gustave Le Bon zu lesen, ein "sehr interessantes Buch". Es handelt von der systematischen Manipulation eines Volkes, war eine Grundlage für die Propaganda der Nazis. Ein anderes Mal soll Höcke empfohlen haben, keine etablierten Parteien zu wählen und Gold zu kaufen. Vom Euro halte er nichts.

Trotzdem sprechen die meisten alten Schüler gut über ihn. Er sei ein glänzender, leidenschaftlicher Pädagoge gewesen. Ja, ihnen sei aufgefallen, dass Höcke politisch sonderbar tickte, einen Hang zur Emphase besaß. Aber er war charismatisch, stets gut vorbereitet. Sogar zum Vertrauenslehrer wurde er gewählt. "Ihn hätte man noch in der Nacht anrufen können, er hätte geholfen", so ein Ehemaliger.

Zeitgleich probiert er sich politisch aus, erst im Verborgenen. Er hatte Kontakt zum vorbestraften Thüringer Neonazi und NPD-Politiker Thorsten Heise. 2011 lädt er mehrere Personen nach Bornhagen ein, um "patriotische Verbindungen zu schaffen". So erinnert sich ein Teilnehmer. Gegenüber Lehrerkollegen soll Höcke vom "ausblutenden Raum" geredet haben, der durch die "demografische Katastrophe" entstehe. 2013 beginnt sein Weg in die Öffentlichkeit, bei jener Partei, die da startete: der AfD. Er gründet einen Kreisverband in Thüringen mit und setzt sich später machtbewusst an die Spitze der Landespartei.

September 2014, AfD-Wahlparty. Ein Mann redet auf der Bühne, als sei er Beute eines Wahns: gigantische Worte, gewaltige Gesten, stechende Augen. 10,6 Prozent hat die AfD in Thüringen geholt. "Von hier und heute beginnt eine neue Epoche in der Parteiengeschichte", brüllt Höcke. Man habe sich einen "vollständigen Sieg" erkämpft. Er steigert sich in eine messianische Euphorie. Er hat das Talent, Feuer zu entfachen. Und berauscht sich an sich selbst.

In solchen Momenten hat Höcke die Existenz eines angesehenen Kleinstadtlehrers eingetauscht gegen die Existenz eines Radikalen. Der Abschiedsbrief ans Kollegium der Schule, die ihm den Abschied verwehrte, trieft vor Selbstmitleid: Er gebe seine "Berufung" als Lehrer auf – denn das Land rufe. "Dass einem Mann, der nichts Böses im Schilde führt, der (...) die bekannten Stigmatisierungsmethoden der politisch-medialen Klasse aushalten muss, ein würdiger Abschied vorenthalten bleibt, ist für mich schwer zu ertragen."

Vor einem Jahr fuhr Höcke zu Pegida nach Dresden. Damals hatte er die ZEIT eingeladen, ihn zu begleiten. Es ist die Demo nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Man sah, wie Höcke glühte – und ihm zugleich alles nicht geheuer war. Höcke sagte damals am Rande der Demo: "Das Wort Lügenpresse lehne ich ab." Er sagte, als über den Islam gehetzt wurde: "Wir dürfen nicht alles über einen Kamm scheren."

Hätte Höcke damals einen anderen Weg finden können als den der Grenzüberschreitung? Dort, bei Pegida, ertappte man sich beim Gedanken: Vielleicht könnte Höcke einer sein, der Gräben zuschüttet. Einer, den die Pegidisten respektieren; der aber die Demokratie im Blick hat. Welch Irrtum! Seither radikalisiert er sich ständig. Die Masche ist immer dieselbe: Er testet eine provokante Aussage. Sobald die Empörung einsetzt, behauptet er, falsch verstanden worden zu sein. Legt sich die Empörung, setzt er noch einen drauf. So verschiebt er den Maßstab dessen, was gesagt werden darf, jedes Mal ein Stückchen weiter nach rechts.

Im März 2015 ruft er mit anderen die "Erfurter Resolution" ins Leben, als "Widerstandsbewegung gegen die weitere Aushöhlung der Souveränität und der Identität Deutschlands". Im Mai sagt er: "Ich gehe nicht davon aus, dass man jedes einzelne NPD-Mitglied als extremistisch einstufen kann." Empörung allenthalben. Höcke im Telefonat mit der ZEIT: Es gebe keine inhaltliche Nähe zur NPD! Man wolle ihn politisch erledigen. "Ich mache doch auch Fehler." Kurz darauf taucht eine Mail an Parteifreunde auf, in der Höcke jene Paragrafen infrage stellt, die Hakenkreuz und Hitlergruß in der Öffentlichkeit verbieten. Die Mail liegt der ZEIT vor. Wieder zeigt sich: Der Mann meint, was er sagt. Er will, dass dieses Land auf keinen Fall bleibt, wie es ist. Er will, dass es wird, wie es war.

In jenen Wochen zerbröselt Höckes Fraktion, drei von elf Abgeordneten rebellieren gegen den neurechten Kurs, treten aus. Im September 2015 startet er in Erfurt seine Demos gegen Asylpolitik. "Was ich hier sehe, das ist gewaltig, das ist großartig, das ist historisch!", brüllt er. "Ich sehe ein Volk, das eine Zukunft haben will!" Jetzt badet er in "Lügenpresse"-Rufen. Jetzt spricht er auch von Linksfaschisten. Eine Sprache, die er in Dresden noch von sich gewiesen hatte. Auf seinen Demos lässt er sich ankündigen wie einen Star: Licht aus, Wir sind wir von Paul van Dyk und Peter Heppner. Mittlerweile hat Paul van Dyk der AfD und Höcke "jedwede unberechtigte Nutzung" seines Werks verboten.

Der Politologe Werner Patzelt hat in einem Gutachten für die AfD festgestellt, dass Höcke, wenn er vom "afrikanischen Ausbreitungstyp" spreche, der auf den "europäischen Platzhaltertyp" treffe, "klaren Rassismus" praktiziere. Dies sei "parteischädigendes Verhalten". Damit drückt Patzelt der AfD das Schwert in die Hand: Die Partei muss sich entscheiden. Will sie einen wie Höcke weitermachen lassen?

Höckes früherer Fraktionskollege Oskar Helmerich, seit vielen Jahren Strafverteidiger in Erfurt, sagt: "Die bürgerliche Mitte hatte in Deutschland bislang ein ganz gutes Gefühl dafür, welche Positionen man vertreten kann und welche nicht. Höcke versucht, dieses Gefühl zu überlisten. Was wir gerade erleben, ist gefährlicher als jeder Springerstiefel-Aufmarsch." Einmal habe Höcke ihn gefragt: Oskar, meinst du, wir schaffen das? Helmerich sagt: "Damals dachte ich noch, er meine den Aufbau der AfD." Später sei ihm klar geworden: "Der wollte wissen, ob wir es schaffen, eine Revolution in diesem Land anzuzetteln."

Mitarbeit: Karsten Polke-Majewski