Ich sitze auf meinem Stockbett, Kinder schreien, es riecht nach Schweiß und Essen, und ich spreche mit meiner Frau. Fünf, sechs Stunden am Tag. Sie erzählt von ihren Sorgen, vom Leben in Aleppo. Unsere Kinder gehen weiter zur Schule, aber oft muss meine Frau sie früher abholen, weil im Viertel der Schule Schüsse zu hören sind. Sie erzählt, was es zum Essen gibt, wo in der Nachbarschaft Bomben gefallen sind, wer verletzt wurde, wer gestorben ist. Die Geschichten werden mit jedem Tag schlimmer. Das Viertel blieb bislang von Bomben weitgehend verschont. Weil es von Assad beherrscht ist. Das ist unser Glück, auch wenn ich diesen Mann verachte. Aber nun rückt die Front näher. Vor zwei Wochen hat ein Kampfflieger ein Haus bei uns in der Nachbarschaft getroffen, 20 Tote. Gestern haben die Rebellen Soldaten der Regierungsarmee bombardiert, 300 Meter von unserem Haus entfernt. Ein Anwohner wurde erwischt. Inzwischen, sagt meine Frau, sei die Frontlinie in Sichtweite.

Ich schaffe es nicht mehr, meinen Söhnen zu erklären, warum ich nicht bei ihnen bin. Bitte komm zurück, Papa, sagen sie. Und ich frage mich, was ich hier eigentlich mache.

Ich bin nicht der Einzige, dem es so geht. Viele sagen: Lieber lebe ich mit meiner Familie in einem der Massencamps in Jordanien oder der Türkei. Lieber Dreck und Chaos, aber dafür Selbstbestimmung und Würde.

Ich weiß, was ich Deutschland zu verdanken habe. Und ich liebe die deutschen Bürger! Was für ein offenes, herzliches Volk. Sie haben mir geholfen, wenn ich nach dem Weg gefragt habe, sie haben mir Essen und Kleidung gegeben. Aber ich habe das Gefühl, dass die Politiker uns loswerden wollen. Sie sollten es sagen, wenn sie uns jetzt nicht mehr dahaben wollen. Wir Syrer sind keine Menschen, die sich aufdrängen.

Ich habe immer zwei Politiker bewundert: Erdoğan, den türkischen Präsidenten. Und Sie, liebe Frau Merkel. Sie waren eine Heldin in Syrien, schon bevor Sie die Grenzen für die Flüchtlinge geöffnet haben. Wegen eines bösen Wortes gegen Sie konnte in einem Café in Aleppo eine Rauferei beginnen. Ich habe Ihnen vertraut. Ich habe für Sie gebetet. Und jetzt sitze ich hier in Deutschland und habe das Gefühl, betrogen worden zu sein.

Denn die Lage im Camp ist nicht das Hauptproblem.

Kennen Sie das: sich Menschen oder einer Sache verbunden zu fühlen, ohne sie zu kennen? Einer meiner Söhne ist Fan des FC Barcelona. Er ist sechs Jahre alt und hat in seinem Leben erst wenige Spiele gesehen, aber er fühlt sich dem Verein nahe.

Ähnlich ging es mir mit Deutschland. Ich bin Elektroingenieur, ich mag Technik, und ich mag Präzision. Dieses Land stand für mich immer für perfekte Organisation. Für Effizienz. Das sagt ja auch jeder, den man fragt: Die Deutschen sind pünktlich, und sie halten sich an ihr Wort. In Deutschland, hörte ich immer, gilt ein Handschlag wie ein Vertrag.

Das war der Grund, weshalb meine Frau und ich uns für Deutschland entschieden, als es in Aleppo lebensgefährlich wurde. Uns war klar, dass wir unsere Kinder niemals in einem Schlauchboot übers Meer fahren lassen würden. Es sind schon genug Kinder im Mittelmeer ertrunken. Also beschlossen wir, dass ich die Hälfte unseres Ersparten nehme, ungefähr 2.000 Euro, und mich allein durchschlage. Und dass meine Frau mit dem Rest des Geldes und den Kindern in Aleppo bleibt, bis ich einen Antrag auf Familiennachzug stellen kann. Wir rechneten damit, dass es nach meiner Ankunft noch ungefähr ein halbes Jahr, vielleicht neun Monate dauern würde.