DIE ZEIT: Herr Klingholz, wir erleben, dass wegen Krieg und Armut Millionen Menschen ihre Heimat in Richtung Europa verlassen. Wir werden Zeuge einer ideologischen Konfrontation mit einer extremen Interpretation des Islams. Jetzt behaupten Sie, die eigentliche Konfliktlinie des 21. Jahrhunderts verlaufe ganz woanders: entlang des Bildungsgefälles. Steile These!

Reiner Klingholz: Ich glaube nicht. Bildung war ausschlaggebend für den Aufstieg und die jahrhundertelange Hegemonie des Westens. Dank besserer Bildung haben beträchtliche Teile Asiens mittlerweile den Anschluss geschafft, während der Bildungsrückstand einen guten Teil der Misere Afrikas und der arabischen Welt erklärt. Auch in Zukunft werden sich vor allem zwei Kulturen gegenüberstehen: eine der Bildung und eine der Unbildung.

ZEIT: Wissen wurde doch stets wertgeschätzt: in allen Gesellschaften, zu allen Zeiten.

Klingholz: Stimmt, auch im alten China oder im antiken Griechenland hatte Bildung einen hohen Stellenwert – aber nur für kleine Eliten. In die Breite getragen wurde Bildung erstmals in Europa: durch die Erfindung der Druckerpresse und durch die Reformation, die den Anspruch hatte, jeder Gläubige solle seinen persönlichen Zugang zum Heil erlangen, indem er die Heilige Schrift liest. Damit begann eine Wissensrevolution, die bis heute den Wohlstand und die Demokratien des Westens begründet und auch seine Vorherrschaft in der Welt. Lange Zeit hielt man dies deshalb für ein westliches Prinzip.

ZEIT: Das ist es doch auch.

Klingholz: Längst nicht mehr. Irgendwann entdeckte man das Potenzial der Bildung für die Massen auch in Asien und bettete dieses Erfolgsprinzip in die eigene Kultur ein. Den Anfang machte Japan in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das spektakulärste Beispiel ist Singapur. Das Land war Anfang der fünfziger Jahre ein malariaverseuchtes Dreckloch. Heute ist es ein Stadtstaat mit einem besseren Bildungsstand und höherem Pro-Kopf-Einkommen als Deutschland. Im arabischen wie im afrikanischen Raum dagegen hat man auf die Herausforderung des Westens völlig anders reagiert.

ZEIT: Wie?

Klingholz: Mit Abwehr. Statt die erfolgreiche Bildungsstrategie des Westens zu kopieren, verdammte man sie als imperialistisch oder als der eigenen Kultur und Religion entgegengesetzt. Seine extreme Zuspitzung findet dieser Widerstand heute in Gestalt islamistischer Terrorgruppen. Boko Haram bedeutet nicht zufällig "Bücher sind Sünde" oder "Westliche Bildung ist verboten".

ZEIT: Das ist, wie Sie selbst sagen, ein Extrembeispiel. Man kann Länder wie Ägypten oder die Maghrebstaaten doch nicht als Nationen ohne Bildung bezeichnen.

Klingholz: Die Quoten der formalen Abschlüsse haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verbessert. Die Bildungsinhalte jedoch sind weiterhin mangelhaft. Zwar besuchen die meisten Kinder – mehr Jungen als Mädchen übrigens – eine Schule. Lesen, Rechnen und eine Problemlösungskompetenz lernen viele dort dennoch nicht. Und die wachsende Zahl der Studierenden belegt am liebsten geisteswissenschaftliche Fächer.

ZEIT: Was ist daran falsch?

Klingholz: Diese Fächer haben volkswirtschaftlich kaum Relevanz. Die jungen Menschen wählen diese Disziplinen, weil sie sich damit den Eintritt in den Staatsdienst versprechen. Angewandte Natur- und Ingenieurwissenschaften haben dagegen weit weniger Zulauf, das Unternehmertum ist kaum ausgeprägt. Man sieht die Folgen am wissenschaftlichen Output, etwa an der Zahl der Patente dieser Länder ...

ZEIT: ... die eher niedrig ausfällt.

Klingholz: Das ist eine Beschönigung. Das kleine Israel meldet weit mehr Patente an als der gesamte arabische Raum. Es gibt nur einen arabischen Nobelpreisträger in den Naturwissenschaften, den Ägypter Ahmed Zewail, und der verbrachte seine Forscherlaufbahn in den USA. Unter den besten 200 Universitäten der Welt ist keine einzige aus dieser Region.