Im August 1941 trafen sich Roosevelt und Churchill auf einem britischen Schlachtschiff vor Neufundland, zu einer Zeit, als in Nazideutschland noch siegestrunken mit Sondermeldungen über Erfolge im Krieg gegen Russland und eigene Luftangriffe auf Sues berichtet wurde. Die beiden wehrhaften Demokratien skizzierten in der Placentia Bay ihre Kriegsziele mit der Atlantik-Charta: Darin garantierten sie die souveränen Rechte der Völker, selbstbestimmt zu leben, versprachen den offenen Welthandel, wollten einen Frieden, der allen Völkern erlaubt, innerhalb ihrer Grenzen das Leben sicher, frei von Furcht und von Not zu verbringen. Das alte Recht des ius belli, zur Kriegführung, sollte den Mächten genommen und eine prosperierende Wirtschaft als Grundlage stabiler Demokratien ermöglicht werden.

Mit dem Fall der Berliner Mauer schien diese großartige atlantische Idee endgültig gesiegt zu haben. Der Eiserne Vorhang, eine rigide bewachte Grenze, fiel, und die Freiheit kehrte zurück. Heute jedoch ist die atlantische Welt von Frieden, Wohlstand und Selbstbestimmung in Gefahr. Vielleicht hat der Erfolg uns blind gemacht. Der wirtschaftlich potente, dynamische Westen hat Offenheit in Richtung fortgesetzter Entgrenzung übertrieben – und gefährdet damit heute seine Offenheit. Das meint keineswegs nur Staatsgrenzen. Im Finanzsystem waren die Grenzen zwischen traditionellem Bankgeschäft und Investmentbanking zu wichtig, um einfach eingerissen zu werden. Die Finanzakrobatik mancher Staaten machte sie unfähig, neutrale Aufsicht über Märkte auszuüben. Wenn die Grenze zwischen Geldpolitik der Zentralbanken und Wirtschaftspolitik allzu sehr verwischt, werden eines Tages stabile Währungen ins Wanken geraten. Die Trennung von Wirtschaft und Politik ist ebenso tragend wie die von Privatsphäre und öffentlichem Raum. In der Digitalwelt geht hier einiges durcheinander. Die Wissenschaft baut das menschliche Genom um, übersteigt damit Grenzen eines methodischen Humanismus. Auch Moral und Recht stehen zwar nicht unverbunden nebeneinander, sind aber nicht dasselbe, sodass ein moralisch vorgetragenes Argument Rechtsgebote nicht einfach zur Seite wischen kann.

Das westliche Modell individueller Freiheit, demokratischer Selbstbestimmung, rechtsstaatlicher Ordnung und sozialer Marktwirtschaft operiert mit der Dialektik zwischen Schließung und Öffnung. Die Weltgesellschaft öffnet alles, macht alles mobil und bleibt doch in diesem Spiel der Entgrenzung auf begrenzbare Ordnungen angewiesen. Weltoffenheit zeichnete immer die Überlegenheit westlicher Demokratien aus. Wir öffnen Grenzen und gewinnen Bewegungsfreiheit. Die Dialektik liegt allerdings darin, dass nur etwas Substanzielles wie eine Ordnung geöffnet werden kann, die wiederum denknotwendig auf Abschließbarkeit angewiesen bleibt. Die Europäische Union ist ein Musterbeispiel für ein konstruktives Spiel mit Öffnungen. Die immer engere Union der Völker Europas in gemeinsamen wirtschaftlichen und politischen Räumen gründet auf Fortbestand und nicht auf Verschwinden dieser Völker. Binnenmarkt und einheitliche Währung stehen in Spannung zu eigenverantwortlicher Wirtschafts-, Sozial- und Fiskalpolitik der Mitgliedstaaten. Mit der Uneigentlichkeit des europäischen Projekts sind wir lange recht gut gefahren, aber kann man das Spiel einer Entgrenzung endlos fortsetzen, ohne in eine andere Wirklichkeit, eine neue Ordnung zu springen, wie die des europäischen Bundesstaates? Wenn indes die kritische Masse für den Eintritt in den Bundesstaat nicht besteht, müssen Krisen auch mit einem pragmatischen Rückbau von Entgrenzungen möglich sein, um das Fundament für Funktion und Legitimation nicht zu zerstören.

Die Migrationskrise hat das Schönwettersystem von Schengen und Dublin zusammenbrechen lassen. Die Entgrenzung der Staatsgrenzen und das gemeinsame Asylrecht: Sie haben unter Druck nicht funktioniert. Und das lässt einen intellektuellen Streit entstehen über die Notwendigkeit von klaren Grenzen. Der renommierte Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat soeben in der ZEIT Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski vorgeworfen, sie trügen mit der Forderung nach Beherrschung der Grenzen zu einer unangemessenen Simplifizierung der Migrationskrise bei. Schließlich müsse doch jedem Realpolitiker klar sein, welche Folge im Fall einer Zurückweisung an der deutschen Grenze zu erwarten sei: ein Rückstau der zu Tausenden täglich nach Europa gelangenden und nach Deutschland drängenden Schutzsuchenden oder Einwanderungswilligen – ein Rückstau zulasten dieser Menschen und der dann vollends überforderten kleineren Staaten auf dem Weg von der Türkei nach Deutschland. Die Bundesregierung (offenbar wesentlich weitsichtiger) habe strategisch Raum gegen Zeit getauscht.

Das ist eine Einschätzung, die richtig sein kann oder auch falsch, eine Einschätzung eben. Es gibt Regierungen von Staaten jener Transitstrecke, die in den Wandelgängen der Diplomatie im Gegenteil das Ende der deutschen Offengrenzpolitik fordern, damit die Sogwirkung des wirkmächtigen deutschen Angebots verringert wird, weil die meisten Menschen, speziell aus sicheren Drittstaaten kommend, sich nur mit einer Legalitätsperspektive in Bewegung setzen. Auch das ist eine Einschätzung. Ich weiß nicht, wer richtig liegt. Aber nicht jede Einschätzung sollte sich mit der Behauptung, die allein mögliche Realpolitik zu sein, gegen Kritik immunisieren. Noch gravierender scheint mir, dass realpolitische Szenarien des unvermittelt auftretenden Sachzwangs, gerade wenn sie auf die Komplexität der globalen Welt des 21. Jahrhunderts verweisen, manchmal ihrerseits deutlich unterkomplex sind.