Jede Welle ist eine Störung, die sich ausbreitet. Der Kieselstein durchschlägt das glatte Wasser des Teichs: Kreise laufen über die Oberfläche. Der Düsenjäger durchbricht die Schallmauer: Kegelförmig jagt ein Knall übers Land. Elektronen schwingen durch eine Sendeantenne: Ein elektromagnetisches Feld breitet sich rhythmisch im Raum aus. Zwei schwarze Löcher kollidieren: In alle Richtungen rast ein Zittern durch das Weltall. Wieder eine Störung.

Und was für eine! Die erste je von Menschen gemessene Gravitationswelle wurde vom Gewaltigsten ausgelöst, was unser Universum gerade zu bieten hat: einer Kollision zweier schwarzer Löcher, zusammengenommen 65-mal so schwer wie unsere Sonne und weit, weit entfernt. Booooom! Auf der Erde hingegen, nach knapp 200.000 Jahren Menschheitsgeschichte und 500 Jahren moderner Astronomie: nur ein winziger Ausschlag in zwei kilometerlangen Apparaturen in Nordamerika, von Wissenschaftlern in einen Klangschnipsel übersetzt, für jeden hörbar im Internet: Flupp (bit.ly/Flupp). Im Kosmos die Karambolage, auf Erden ein Hauch.

Dieser Kontrast ist noch die kleinste Herausforderung, vor die das Phänomen Gravitationswelle unser Vorstellungsvermögen stellt.

Trotzdem (oder gerade deswegen) wurde die Entdeckung überall bejubelt, sie lief in den Abendnachrichten und zierte die Titelblätter der Zeitungen. Als im Pokalspiel gegen Bochum der Bayern-Stürmer Arjen Robben durch einen theatralischen Sturz einen Elfmeter herausholte, folgte prompt die Schlagzeile: "Gravitationswelle riss Robben nach unten."

Solche Popularität erfährt kaum ein wissenschaftlicher Durchbruch. Sicher half die Verbindung des Phänomens mit der Physiklegende Albert Einstein. Der sagte 1915 in seiner Allgemeinen Relativitätstheorie die Existenz der Gravitationswellen vorher. Drastisch vereinfacht: Bewegen sich sehr schwere Objekte, lässt ihre Anziehungskraft – oder eben "Gravitation" – die Welt ein winziges Bisschen erzittern. Dass dieses Zittern aber jemals technisch dingfest gemacht werden könnte, hatte Einstein zeitlebens bezweifelt. Kurioserweise ist er nun also sowohl in seiner Theorie bestätigt als auch in seiner Skepsis widerlegt worden.

Vor 1,3 Milliarden Jahren umkreisten sich in dunkler Ferne zwei schwarze Löcher. Als sie sich auf Kollisionskurs einander immer weiter annäherten und beinahe auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigten, entließen sie gigantische Mengen Gravitationsenergie. Am 14. September letzten Jahres erreichte diese Welle die Erde und raste durch sie hindurch. Bemerkt wurde sie in zwei Laser-Apparaturen, eine an der US-Westküste, die andere am Golf von Mexiko.

Im Inneren dieser Zitterfallen verlaufen zwei Laserstrahlen wie vier Kilometer lange Lineale. Als die Gravitationswellen durch sie hindurchliefen, wurde der Raum für den Bruchteil einer Sekunde um das Zehntausendstel eines Protondurchmessers gestaucht, erklären uns die Physiker. Das ist jenseits aller Vorstellungskraft, prinzipiell aber schon der Hammer: Ein gigantisches Ereignis in dunkelster Tiefe erschüttert das Gewebe des Universums, die sogenannte Raumzeit. Für die Gravitationswellen ist sie in etwa das, was im Beispiel vom Kieselsteinwurf das Wasser des Teiches ist. Wie man sich das genau vorstellen soll, können weder Physiklehrer noch Infografiker anschaulich erklären. Bilder von Trampolinen und Netzen aus Gummibändern werden bemüht.