Jan Greve sitzt auf seinem weißen Ledersofa, raucht eine Pall Mall nach der anderen und erzählt von früher. Davon, wie es war, in Neugraben-Fischbek aufzuwachsen, in Harburg, weit südlich der Elbe. "Geschichten aus dem Ghetto", sagt Greve und pustet den Rauch aus.

Als er jung war, seien rund 300 Albaner in den Stadtteil gekommen. Vor allem im südlichen, prekären Teil des Viertels sei es ungemütlich geworden. Man habe da morgens nach der Disco friedlich auf der Straße gesessen, einmal dem Falschen in die Augen geschaut und im nächsten Moment so derbe eins auf die Mütze bekommen, dass man Sterne sah. "Also echt Sterne", sagt Greve.

Natürlich gab es auch die guten Seiten. Greve lernte Toni, Takan und Fehmi kennen. Zuwanderer, die mal in illegale Geschäfte verstrickt waren und mal einfach von Sozialhilfe lebten. Harte Typen mit gutem Herzen, die ihm in brenzligen Situationen beisprangen und die bis heute zu seinen besten Freunden gehören. Mit deren Familien seine Familie Silvester feiert.

Was damals in Neugraben-Fischbek passierte, könnte jetzt erneut passieren, glaubt Greve. Nur dass dieses Mal die negativen Seiten überwiegen würden.

Der Hamburger Senat plant wieder, Zuwanderer im Viertel einzuquartieren. Nicht 300, dieses Mal sollen es 3400 sein: Flüchtlinge, die nach Willen der Verwaltung in einer Zentralen Erstaufnahme wenige Hundert Meter von Greves Haus leben sollen. "Ich weiß, was da kommt", sagt Greve. Es würden sicher neue Freundschaften entstehen, so wie damals mit Toni, Takan und Fehmi. Aber wenn es mit 300 Albanern schon Probleme gab, wie soll es dann mit mehr als 3000 Flüchtlingen werden?

Der IT-Techniker Greve hat deshalb beschlossen, sich zu wehren. Er hat zusammen mit anderen eine Bürgerinitiative gegründet und rote Schilder drucken lassen, darauf eine weiße Zahl: 1500. Das ist Greves Ziel, höchstens 1500 Flüchtlinge in Neugraben-Fischbek. 3400, sagt er, seien nicht zu integrieren.

Nicht so viele, das sagt nicht nur Greve. In vielen Stadtteilen haben sich Bürgerinitiativen gegründet, die gegen die Größe der geplanten Flüchtlingsunterkünfte in ihrer Nachbarschaft protestieren. Die Anführer sind meist Männer, meist hatten sie bislang nicht viel mit Politik zu tun und meist fühlen sie sich vom Senat ignoriert, links liegen gelassen.

Es sind Männer wie der Architekt Bernd Dörsing, der in Bergedorf nahe dem Mittleren Landweg wohnt und sagt: 140 Zuwanderer, das sei zu schaffen. Mehr nicht. Der Senat aber plant auch hier mit mehr als 3000 Flüchtlingen.

Oder Männer wie der Ingenieur Klaus Schomacker, dem Tausende Flüchtlinge in Rissen zu viel sind, auch, wenn sie inzwischen auf mehrere Standorte verteilt werden sollen. Nicht integrierbar, sagt Schomacker.

Greve, Dörsing und Schomacker sind zu einer neuen Macht in der Stadt aufgestiegen. Spätestens seit sie ihre Bürgerinitiativen unter einem Dachverband vereinigt und angekündigt haben, einen Volksentscheid zu Flüchtlingsunterkünften auf den Weg bringen zu wollen. Nun machen sie gemeinsame Pressearbeit, organisieren Demonstrationen und entwerfen Verhandlungsstrategien. Auf der letzten Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses durften die Vertreter der Initiativen erstmals ihre Position vortragen. Die 800 Zuhörer im Saal 2 des Congress Centers Hamburg jubelten. Senatorin Dorothee Stapelfeldt hingegen wurde ausgepfiffen. Als sie ihre Rede begann, standen Hunderte demonstrativ auf und gingen.

Ein Volksentscheid, egal, wie er ausginge, würde die Stadt polarisieren und die Debatte über die Flüchtlinge weiter aufladen. Bislang reden die Verhandler des Landes mit den Initiativen über vieles, aber nicht über die Zahl der Flüchtlinge an den einzelnen Standorten. Womöglich ändert sich das nun. Nichts sei alternativlos, sagte Bürgermeister Olaf Scholz kürzlich auf NDR 90,3.

Wer sind diese Männer, die den bisher so unbeugsamen Bürgermeister dazu bringen, übers Einlenken nachzudenken? Wie arbeiten sie? Und wie kommen sie zu ihrer Taktik?