DIE ZEIT: Herr Fischer, was hat Wladimir Putin vor?

Joschka Fischer: Die Russische Föderation ist wesentlich schwächer als die Sowjetunion, wirtschaftlich wie militärisch. Das Ziel ist, russische Weltmacht wiederzugewinnen, auf militärischer Grundlage. Aber ohne die zivilgesellschaftliche und wirtschaftliche Unterfütterung, also ohne eine breite Modernisierung des Landes, wird das nicht funktionieren. Wenn militärische Stärke der einzige Trumpf ist, dann ist da immer die Verführung, diese Stärke auch zu nutzen. Der Westen wird sich darauf einstellen müssen. In den baltischen Staaten und in Polen weiß man das schon seit Langem. Dort kann man sich unsere Illusionen nicht erlauben.

ZEIT: Deutschland hat Russland eine Modernisierungspartnerschaft angeboten.

Fischer: Ja, und die wurde offensichtlich abgelehnt, zugunsten einer neoimperialen Politik. Man will das "nahe Ausland" wieder unter russische Kontrolle bringen. Und nun stellen wir erstaunt fest, die EU und nicht die Nato ist der Hauptgegner, vor allen Dingen auch wegen ihrer Werte. Putin ist besessen von der Gefahr einer Farbenrevolution, sei sie ukrainisch oder arabisch. Ich denke, es gab eine Entscheidung im Übergang von Medwedew zu Putin: Wir wollen den Mehrwert, den wir aus Öl und Gas ziehen, nicht in eine breite Modernisierung stecken und entsprechend zugunsten der breiten Bevölkerung umverteilen, sondern wir wollen, dass Russland im Wesentlichen Energie- und Rohstoffexporteur bleibt und damit die Machtstruktur, die dahintersteckt, erhalten wird. Das führte dann auch zum Scheitern der Modernisierungspartnerschaft in Russland. Leider macht man sich heute in Teilen der europäischen Wirtschafts- und politischen Elite immer noch Illusionen darüber.

ZEIT: Warum?

Fischer: Wegen konkreter Interessen und der Geschichte. Die konservative Tradition Preußens war aufs Engste verflochten mit Russland als Garant des "reaktionären Status quo". Diese Linie hat sich über Bismarck fortgesetzt und ist bei den Konservativen heute wieder zu spüren. Bei den Sozialdemokraten spielen, denke ich, die Ostpolitik und auch eine unterschwellige deutsch-nationale Orientierung mit eine Rolle. Was nun wieder die beiden Riesenaußenpolitiker Seehofer und Stoiber nicht begriffen haben, ist Adenauers historische Entscheidung von 1949. Nach Niederlage und Teilung war ihm kristallklar, dass nur die Westbindung Deutschlands künftige Katastrophen verhindern konnte. Deutschland musste raus aus dieser Rolle des schwankenden Halmes zwischen Ost und West. Dafür war er sogar bereit, die deutsche Einheit zurückzustellen. Und wenn wir das aufgeben, müssten wir unserer Sinne beraubt sein. Der Herr Gauland von der AfD will expressis verbis hinter Adenauer zurück. Wer diesen archimedischen Punkt der Gründung Westdeutschlands infrage stellt, weiß ganz offensichtlich nicht, was wir da ernten werden. Nicht mehr außenpolitische Freiheit, sondern Instabilität, Unsicherheit und Misstrauen.

ZEIT: Der Traum einer deutsch-russischen Symbiose hat sich über die Systemwechsel hinweg erhalten.

Fischer: Es hat aber nie wirklich funktioniert. Das ist ein Wunschtraum der deutschen Rechten und der Linken – auch der deutschen Wirtschaft. Deutsche Technologie und deutsches Kapital, russische Rohstoffe, russische Macht: zusammen unbesiegbar!

ZEIT: Jetzt bietet sich Russland wieder als konservative Alternative zum Westen an: Wir schützen Familie und Heimat, die Tradition und das Christentum ...

Fischer: ... eine konservative Revolution, ja. Ich hatte es lange nicht verstanden. Aber dahinter steckt eine Strategie, ein machtpolitisches Interesse. Aber es wird nicht funktionieren.