Am 4. April 1945 erhielt der Stab der 103. Gardeschützendivision der Roten Armee in seinem Quartier in Köttlach nahe Gloggnitz, das erst vier Tage zuvor befreit worden war, einen überraschenden Besuch: "Ein stattlicher Greis in strengem schwarzen Anzug", so die Meldung nach Moskau, habe sich als Karl Renner vorgestellt und seine Dienste zur Wiedererrichtung Österreichs angeboten. "Wie, der alte Verräter lebt noch immer?", soll Stalin nach einer Version reagiert haben: "Er ist genau der Mann, den wir brauchen."

Dem zu diesem Zeitpunkt 75-jährigen Sozialdemokraten wurde Schloss Eichbüchl am Fuß des Rosaliengebirges als Arbeitssitz zugewiesen. In unterwürfigen Briefen an den sowjetischen Diktator ("Die Glorie Ihres Namens ist unsterblich!") erschmeichelte sich der listige Fuchs schließlich die Genehmigung – gegen den anfänglichen Widerstand der West-Alliierten –, im befreiten Wien eine provisorische Regierung bilden zu dürfen, noch bevor Hitlers letztes Aufgebot die Waffen gestreckt hatte.

Zweimal stand der Mann vom pragmatischen Flügel der Arbeiterbewegung (er sei "ein Marxist eigener Observanz", behauptete er) an der Wiege der Republik. 1918 nach dem Untergang der Habsburgermonarchie wurde Renner noch vor dem Rücktritt des Kaisers zum Staatskanzler gewählt, der die Delegation anführte, der in St. Germain die drückenden Friedensbedingungen nach dem verlorenen Weltkrieg diktiert wurden.

Und am 27. April 1945 stand er jener provisorischen Regierung vor, die im Wiener Rathaus eine Unabhängigkeitserklärung proklamierte. Als einer der Väter der Republik genoss der erste Bundespräsident der Zweiten Republik vor allem in seiner Partei hohe Verehrung.

"Kein Zweifel", schreibt nun jedoch der deutsche Historiker Richard Saage in einer neuen Biografie (siehe Vorabdruck), "einst zum Staatsmythos stilisiert, befindet sich das Renner-Bild heute im Sinkflug – ein Prozess, der an den Fundamenten seines ganzen Lebenswerkes rüttelt."

Das 17. oder 18. Zwillingskind verarmter Weinbauern aus Südmähren war eine zwiespältige Figur, die – vor allem vor 1938 – im inneren Konflikt mit der intellektuellen Elite seiner Partei lebte. Zu den hässlichen Seiten seiner Laufbahn gehört die Befürwortung des "Anschlusses" Österreichs an Nazideutschland, die er auch später zu rechtfertigen trachtete. In einem erst posthum veröffentlichten Aufsatz zeigte der Vielschreiber aber auch Verständnis dafür, dass Hitler im Oktober 1938 das Sudetenland annektierte. Wäre diese Apologie bereits nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bekannt gewesen, Renner wäre wohl schwerlich am 20. Dezember 1945 von der Bundesversammlung zum Staatsoberhaupt gewählt worden. So aber gehörte Renner zu den eifrigsten Verfechtern der österreichischen Opferlegende, und sprach sich immer wieder gegen die Rückgabe geraubten jüdischen Eigentums aus.