DIE ZEIT: Was interessiert Historiker heute noch an der Schlacht von Verdun? Ist sie nicht längst in allen Details erforscht?

Olaf Jessen: Nein, einige Grundfragen waren noch bis vor Kurzem offen. Warum Verdun? Warum ausgerechnet ein Angriff auf Frankreichs stärkste Festung? Und warum dauerte die Schlacht so lange?

ZEIT: Es war eine Abnutzungsschlacht. Die deutsche Seite wollte den französischen Gegner langsam zermürben.

Jessen: Das war spätestens seit den siebziger Jahren die Antwort fast aller deutschen und französischen Historiker. Man berief sich auf die Memoiren des Generalstabschefs Erich von Falkenhayn, die er Anfang der zwanziger Jahre veröffentlicht hatte. Falkenhayn verdeckte das Scheitern seines ursprünglichen Plans und schob der Schlacht einen neuen "Sinn" unter: den Gegner, wie er es nannte, "weißzubluten".

ZEIT: Was spricht gegen seine Erklärung?

Jessen: Es liegt auf der Hand, dass Memoiren der Selbstrechtfertigung dienen. Also habe ich mich nach anderen Dokumenten umgeschaut. So bin ich auch auf die Akten der Forschungsanstalt für Kriegs- und Heeresgeschichte gestoßen, die in der Weimarer Republik mit der amtlichen Weltkriegsgeschichtsschreibung betraut war. Die Forschungsanstalt hat damals einige der ersten Zeitzeugenbefragungen der deutschen Geschichtswissenschaft überhaupt durchgeführt, vor allem unter hohen Militärs. Seit 1996 sind diese Dokumente in Freiburg zugänglich. Sie zeigen: Der Angriff bei Verdun sollte einen operativen Durchbruch erzwingen.

ZEIT: Mit welchem Ziel?

Jessen: Falkenhayn hatte erkannt, dass ein Stellungskrieg mit defensiver Strategie an der Westfront keinen Sieg bringen konnte. Die gegnerischen Kräfte waren zu stark. Er musste dem Gegner also mit wenig Aufwand schwere Verluste zufügen. Seine Lösung hieß: einen "Zwang zum Gegenangriff entwickeln". So hat es Gerhard Tappen, der Leiter der Operationsabteilung unter Falkenhayn, formuliert, als er nach dem Krieg befragt wurde.

ZEIT: Der Angriff als eine Falle?

Jessen: In etwa. Man wollte den Franzosen bei Verdun überfallartig das Ostufer der Maas entreißen und hoffte, dass sie daraufhin aussichtslose Gegenangriffe starten würden. Dies sollte zu raschen und hohen Verlusten auf der französischen Seite führen – und schließlich den Divisionen der deutschen Heeresreserve im Nachstoßen einen Durchbruch ermöglichen. Das Ganze, dachte Falkenhayn, werde nur ein paar Tage dauern, höchstens fünf Wochen.

ZEIT: Nordwestlich von Verdun standen den Deutschen vor allem britische Truppen gegenüber, im Artois, im heutigen Departement Pas-de-Calais. Welche Rolle war ihnen in Falkenhayns Kalkül zugedacht?

Jessen: Tappen und Falkenhayn rechneten damit, dass der Angriff auf Verdun eine hektische, zum Scheitern verurteilte Offensive der Briten auslösen würde. Über deren Trümmer sollten dann Divisionen der deutschen Heeresreserve vorstoßen und eine Rückkehr zum Bewegungskrieg erzwingen. Geplant war, entweder bei Verdun die französische Front in Richtung Westen aufzurollen oder im Artois Briten und Franzosen zu trennen, um die Briten Richtung Ärmelkanal abzudrängen.

ZEIT: War der Angriff auf Verdun ein Versuch, Franzosen und Engländer doch noch endgültig zu schlagen?

Jessen: Eine Vernichtung der feindlichen Millionenheere hielten Tappen und Falkenhayn zu Recht für unmöglich. Verdun war eine politische Schlacht. Sie sollte einen Schock auslösen und den Widerstandswillen in Frankreich und Großbritannien brechen.