Man stelle sich vor: Terroristen haben in einem Haus Pläne für einen brutalen Anschlag gelagert. Die Polizei steht vor der verschlossenen Tür, die sie nicht aufbrechen kann, weil die Panzerung zu stark ist. Nur der Hersteller des Schlosses kann einen Nachschlüssel anfertigen, und ein Richter weist diese Firma dazu an. Die aber weigert sich, den Schlüssel zu liefern, und beruft sich dabei allgemein auf den Schutz der Privatsphäre. Hilft sie damit nicht den Verbrechern und gefährdet das Leben Unschuldiger?

Etwa so könnte man den Konflikt zwischen der amerikanischen Bundespolizei FBI und der Firma Apple darstellen. Aber Vergleiche zwischen der analogen und der digitalen Welt hinken zwangsläufig. Der kalifornische Richter, der Apple zur Mithilfe beim Knacken eines iPhones verdonnert hat, stützt sich auf ein Gesetz aus dem Jahr 1789, nach dem Personen und Institutionen, die mit einer Tat nichts zu tun haben, zur Mithilfe gezwungen werden können.

Aber wie weit muss diese Mithilfe gehen? Und was hat das alles mit dem Streit um digitale Verschlüsselung zu tun? Schließlich gilt der Streit zwischen Apple und dem FBI längst als Symbol für den Gegensatz zwischen dem Schutz privater Daten und den Interessen der Strafverfolgung.

Im vorliegenden Fall geht es um die Schießerei in San Bernardino, bei der im Dezember 14 Menschen getötet wurden. Das iPhone eines der Täter fiel der Polizei in die Hände, es war aber mit einem Passwort gesichert. Die Gesetzeshüter hoffen, über die im Gerät gespeicherten Adressen und Nachrichten mögliche Komplizen des islamistischen Täters ausfindig machen zu können. Warum verschafft Apple ihnen keinen Zugang?

Ginge es nur darum, die Passwortabfrage zu umgehen, hätte der Apple-Chef Tim Cook womöglich keinen öffentlichen Aufstand gemacht, sondern still und unbürokratisch geholfen. Auch eine Sicherheitskopie, also ein Back-up, von den Daten des strittigen Telefons, das der Täter einen Monat vor der Tat mit dem Speicherdienst iCloud gesichert hatte, rückte die Firma heraus.

Seit seiner vorletzten Version aber verschlüsselt das Betriebssystem iOS den gesamten Inhalt eines Smartphones. Erst wenn das Passwort eingegeben wird, löst dies eine Kette von Entschlüsselungsalgorithmen aus, die den Inhalt überhaupt zugänglich machen. Dieses Passwort kennt auch Apple nicht. Und einfach Ausprobieren geht nicht. Denn gegen einen brute force-Angriff, bei dem die FBI-Ermittler einfach alle möglichen Kombinationen ausprobieren (bei einem Passwort aus sechs Ziffern sind das eine Million Varianten), ist das Telefon geschützt: Zuerst verordnet es immer längere Pausen, bis eine neue Eingabe möglich wird. Und nach zehn falschen Versuchen wirft es – sofern der Nutzer das eingestellt hat – alle Schlüssel weg. Dann wird der Inhalt für alle Zeiten unlesbar.

Das FBI verlangt nun nicht die PIN zum Smartphone (die Apple gar nicht hat). Vielmehr soll die Firma eine maßgeschneiderte Software schreiben. Es geht um die Firmware, die unterste Ebene der Telefon-Software. In ihr ist die Beschränkung beim Ausprobieren von Passwörtern verankert. Apple soll sie umschreiben, damit die Ermittler das Telefon mit brute force knacken können.

Auch wenn es tatsächlich technisch möglich wäre, eine Firmware so zu entwerfen, dass sie nur für dieses eine Telefon funktionierte, auch wenn sie nur dieses eine Mal, nur in der Firmenzentrale verwendet und dann sofort gelöscht würde – es entstünde ein Präzedenzfall, argumentiert Tim Cook. Was, wenn das nächste Gesuch von chinesischen Strafverfolgern kommt, die einen Dissidenten aufs Korn genommen haben? Cook hat mit einem offenen Brief an die Kunden den Fall in die Öffentlichkeit getragen. Der Schutz der Privatsphäre steht im Moment ganz oben auf Apples politischer Agenda, so zeigt sich die Firma entschlossen, in diesem Fall bis zur letzten Instanz zu gehen – und steht plötzlich in der Rolle des Datenschützers da.