Jugendpfleger. Besser geht’s nicht. Paul Schäfer, am 4. Dezember 1921 in Bonn geboren und in der Arbeiterstadt Troisdorf südlich von Köln aufgewachsen, verdingt sich nach Kriegsende als Hilfsarbeiter auf Jahrmärkten, bevor er den idealen Job findet, um seine pädophilen Neigungen auszuleben: Er bietet sich katholischen und evangelischen Organisationen als Betreuer an. Immer wieder setzen ihm die kirchlichen Arbeitgeber den Stuhl vor die Tür, weil ruchbar wird, dass Schäfer Knaben in seine Wohnung bestellt, um sie über ihre sexuellen Fantasien auszufragen. Auch sein Hang zum Sadismus ist in rheinischen Kirchenkreisen bald kein Geheimnis mehr: In Ferienlagern müssen die Jungs eine Gasse bilden und mit Ruten auf einen gewaltsam entkleideten "Sünder" einprügeln, der beim Naschen erwischt wurde. Man belässt es stets bei diskreten Kündigungen, nie wird Schäfer angezeigt. In der Adenauer-Ära kehrt man so etwas lieber unter den Teppich.

Nach seinem Rausschmiss als Troisdorfer CVJM-Jugendleiter verlässt Schäfer vorsichtshalber für eine Weile das Rheinland – und schließt sich im münsterländischen Gronau dem fundamentalistischen Flügel einer Baptisten-Gemeinde an: Heimatvertriebene und Russlanddeutsche, die vor dem Stalinismus geflohen sind, kinderreiche Familien und junge Kriegerwitwen; einfache Leute, die gelernt haben, sich Autoritäten widerspruchslos zu unterwerfen. Der charismatische Schäfer predigt ihnen vom Satan, von frommer Besitzlosigkeit und sexueller Askese. Vor allem einige Frauen lieben ihn abgöttisch; dabei verachtet er Frauen. Die Gläubigen müssen ihm in Beichten, die sorgsam protokolliert und archiviert werden, ihre intimsten Geheimnisse anvertrauen – dann auch ihre Lohntüten, zuletzt ihre Kinder.

Beim Amtsgericht der Kreisstadt Siegburg wird die Private Sociale Mission als gemeinnütziger Verein eingetragen, der "mildtätige Zwecke" verfolge: die "Aufnahme gefährdeter Jugendlicher". 1954 lässt Schäfer in der abgelegenen Ortschaft Heide, 20 Kilometer östlich der neuen Bundeshauptstadt Bonn, ein Kinderheim bauen und errichtet dort nur wenige Jahre nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes seinen eigenen kleinen Terror-Staat.

Der Neubau der Jugendheimstatt in Heide entsteht in Eigenleistung nach Feierabend. Schließlich sind unter den Sektenmitgliedern viele tüchtige Handwerker. Dem 20-jährigen Maurergesellen Günther Bohnau befiehlt Schäfer, seinen Lohn abzuliefern und sich von seinem Mädchen zu trennen. Als sich der junge Mann obendrein einer "Teufelsaustreibung" unterziehen soll (eines der üblichen sadistischen Rituale, wenn die Beichte nicht nach dem Geschmack des Gurus ausfällt), entscheidet sich der junge Mann gegen die Sekte – und damit gegen seine Familie. Vater Nathaniel, Mutter Helene, der Bruder und die Schwestern: "Sie alle waren Paul Schäfer längst hörig", sagt Günther Bohnau. Das Haus der Familie in Gronau, in dem er aufgewachsen ist, haben seine Eltern schon auf Paul Schäfer überschrieben.

In den Schlafzimmern des Heims werden Abhöranlagen installiert und in abendlichen "Herrenrunden", so Schäfers Vokabular, "gefallene Mädchen" gezüchtigt; "Schinkenklopfen, um die Hurengeister auszutreiben". 1961 hat die Siegburger Kripo die Aussagen der Eltern zweier vergewaltigter Jungen auf dem Tisch. Doch bis die Bonner Staatsanwaltschaft mit dem Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der "Unzucht mit Abhängigen" in die Gänge kommt, ist Schäfer auf und davon. Er fliegt nach Chile und kauft dort eine verfallene Farm – die Keimzelle seiner Colonia Dignidad, der berüchtigten "Kolonie der Würde". Schäfers Führungsstab, darunter ein ehemaliger SS-Offizier der Leibstandarte Adolf Hitler, bereitet derweil die Gemeinde im Rheinland auf den Exodus vor, den Umzug ins "gelobte Land".

In einer bis heute unbegreiflichen Nacht-und-Nebel-Aktion werden sämtliche möglichen Zeugen der Anklage, 150 Heimkinder, per Charterflug nach Chile verfrachtet. Das verlassene Heim in Heide kauft die Bundeswehr der Sekte ab, darin schlägt der Generalarzt der Luftwaffe seinen Dienstsitz auf. Mit deutschen Steuergeldern – 900.000 D-Mark Erlös aus dem Hausverkauf – wird der Aufbau der Schreckensfarm in Chile finanziert.