Wenn am kommenden Sonntagabend alle Oscars verliehen und die Stars zu ihren Aftershow-Partys aufgebrochen sein werden, atmen vermutlich einige Verantwortliche in Hollywoods Filmbranche auf. Die Empörung über die wiederholte fehlende Nominierung schwarzer Künstler in den wichtigsten Kategorien und die #OscarsSoWhite-Kampagne haben das amerikanische Filmestablishment erschüttert. Auch hierzulande wird lebhaft mitdiskutiert. Doch eines sucht man vergeblich – eine kritische Selbstreflexion deutscher Filmverantwortlicher.

Rassismus und mangelnde ethnische Vielfalt in der Film- und Fernsehbranche – in den USA ein Politikum, in Deutschland kein Thema. Schauspieler und Berlinale-Juror Lars Eidinger sah sich kürzlich bei einer Pressekonferenz mit der Frage konfrontiert, warum es kein schwarzes Jury-Mitglied gebe. Das sei ihm gar nicht aufgefallen, und er habe darüber auch nicht nachgedacht, antwortete er konsterniert. Etwas hilflos fügte er hinzu, dass es ja gar nicht so viele Schwarze auf Berlins Straßen gebe – im Vergleich zu Paris und London. Ein schräges Argument, zum einen, weil es einiger Anstrengung bedarf, um in Berlin schwarzen Menschen aus dem Weg zu gehen. Beschämender ist jedoch das Eingeständnis, dass man gar nicht versucht hat, die Berlinale-Jury durch ethnische Vielfalt zu bereichern. Voraussetzung wären ein offener Blick und die Bereitschaft, vielleicht auch mal durch andere Straßen zu gehen.

Eidingers Äußerung zeigt, wie wenig deutsche Filmschaffende mit dem Begriff diversity anfangen können. Schwarze Schauspieler sind eher Randerscheinungen, häufig besetzt in klischeebehafteten Rollen, die wenig Raum für schauspielerische Entfaltung lassen – Tanzlehrer, Drogendealer und gutmütige Hausangestellte. Die Galabühne des wichtigsten deutschen Filmpreises, der Lola, wartet nach über 60 Jahren noch immer auf ihren ersten schwarzen Preisträger. Immerhin: Eine Handvoll deutscher Schauspieler und Filmemacher mit türkischen Wurzeln wie Sibel Kekilli oder Fatih Akin haben es im Laufe der Jahre auf den deutschen Filmolymp geschafft.

Die diesjährige Kontroverse hat die Oscar-Academy zum Handeln gezwungen. Bis 2020 soll sich die Zahl ihrer nicht weißen (und weiblichen) Mitglieder verdoppeln. Gute Aussichten also, dass bei der Verleihung im kommenden Jahr der Nominiertenkreis weniger homogen ausfällt. Vielleicht gewinnt sogar ein schwarzer Regisseur endlich die begehrte Trophäe, zum Beispiel Don Cheadle für seinen auf der Berlinale vorgestellten Film Miles Ahead.

Und in Deutschland? Auch hier würde eine ernsthafte diversity-Debatte den Film (und das Fernsehen) verändern. Eine größere ethnische Vielfalt erzählt interessantere Geschichten. Augen auf, liebe Filmbranche, es gibt sie tatsächlich, die schwarzen Schauspieler, Drehbuchautoren, Regisseure, Kameraleute, Produzenten – und Zuschauer.