Ein erster Anruf bei György Kurtág in Budapest, es ist Anfang Januar, ein nachtgrauer Wintertag kurz nach 16 Uhr. Nein, knurrt der 89-Jährige, es sei nicht möglich, ihn im Vorfeld seines 90. Geburtstags zu besuchen, er habe zu tun, seine Oper, Becketts Endspiel, das ganze menschliche Leben, ich wisse sicher. Im Übrigen telefoniere er nie vor acht Uhr abends. Ob ich es in zwei oder drei Tagen noch einmal probieren dürfe, frage ich. "Morgen, rufen Sie morgen wieder an." Kurtágs Herangehensweise als Komponist ziele nicht auf ein Erscheinungsbild, schreibt der Schweizer Kurtág-Experte Roland Moser, "sondern auf das, was geschieht, bevor es zu einem Resultat kommt". Mir dämmert, wie klug dieser Satz ist.

Ein zweiter Anruf bei Kurtág im Budapest Music Center, wo er seit ein paar Monaten mit seiner Frau Márta lebt. Zu Hause sind die beiden in Saint-André-de-Cubzac bei Bordeaux, in Budapest wollten sie eigentlich nur drei Wochen bleiben, doch jetzt kommen sie hier nicht wieder weg. Das Alter (auch Márta, als Pianistin und Ehefrau seine legendäre "Hälfte des Lebens", ist Ende 80), die Launen der Gesundheit, und überhaupt: Was spielen Orte, Länder, Welten für eine Rolle, solange man arbeiten kann? Dass es dann doch eine Rolle spielt, das sogenannte Politische, Ungarn, Budapest, nur eben nicht vordergründig, nicht als Kommentar zu den Orbanisten, sondern in Kurtágs messerscharfer Auseinandersetzung mit Texten von Hölderlin, Kafka und Beckett, im Versenden musikalischer Kurzbotschaften ("Messages"), die in ihrer Kompression flammende Appelle sind an die Wehrhaftigkeit unserer Sinne – das ist beim ersten oder zweiten Hören schwerlich zu erfassen. Doch wie sagt Kurtág in seinem hoch elaborierten, wundersam polierten Deutsch? "Was leicht liegt, ist nicht gut." Weil dann der Widerstand fehle, die existenzielle Spannung. Und weil er kein Orlando sei (aus Shakespeares Wie es euch gefällt), der seine Herzensgrüße an Rosalind wahllos in den Wind hänge, "als kämen die Jamben von selbst".

An Widerständen hat Kurtág seine Freude, und wer das nicht weiß, tappt schnell in die Falle. Er habe eine Idee, so beginnt unser zweites Telefonat, ich könnte ihn besuchen kommen, ja – und zwar am 18. Februar, dem Tag vor seinem 90. Geburtstag. Da gebe es ohnehin viel Trubel, Besucher, Musik, ein Abendessen, kurzum: Es würde nicht stören. Ich gönne mir eine Kurtágsche Pause und beginne zu stammeln. Von der Aktualität, von Lesern, die meinten, die ZEIT würde ihm, dem Nachfolger Liszts, Bartóks, Leó Weiners und Sándor Veress’, nicht gratulieren wollen zu seiner Hartnäckigkeit und Pusseligkeit, jener hochexplosiven "Schillerkragen-Ordentlichkeit" (Wolf Lepenies), die er mit Werken wie den Mitteilungen des verstorbenen Fräuleins R. V. Troussova von 1981 oder der Stele op. 33 für großes Orchester, einem Auftragswerk der Berliner Philharmoniker, in die neue Musik hineingetragen habe, und wie peinlich das doch wäre, wenn wir zu seinem Geburtstag schweigen müssten – und so weiter und so fort.

Am anderen Ende der Leitung knackst es. Und dann fällt das Beil: "Sie denken zu konventionell." Meine zaghafte Drohkulisse bricht jäh zusammen. Was ist schon eine Zeitungswoche früher oder später im Verhältnis zu neun Künstlerlebensjahrzehnten? Wer maßte es sich an, einem Komponisten etwas von Dringlichkeit zu erzählen, der in seinem Klavierkonzert ... quasi una fantasia ... Bläserportamenti schreibt, als hätte es sich das Weltuntergangsfinale in Gustav Mahlers Neunter Symphonie noch einmal überlegt und käme uns frontal entgegen, gleichsam frisch erstarkt?

Alles ist in seiner Musik: "Selbst das, worüber ich mich schämen müsste, es zu gestehen"

Das Schlagzeug rollt dazu einen Wisperteppich aus, die Solostreicher bangen, und der Schluss gehört, wie so oft bei Kurtág, jenem Verhauchen, in dem sich kein Instrument mehr vom anderen unterscheidet. Der Ungar ist ein Meister des Abphrasierens, und daraus nicht nur eine Kunst zu machen, sondern etwas Organisches, Selbstverständlich-Lakonisches, fällt den meisten Interpreten schwer. Als wäre ihnen ihr Können plötzlich hinderlich. Einerseits, so muss man sagen, steht bei Kurtág alles in den Noten, jede noch so winzige Geste und Gebärde; andererseits lautet eine seiner Lieblingsanweisungen: "Nicht machen, was da steht, sondern erfinden!" Darüber dürfte so manch eine(r) verzweifelt sein.

Noch dazu heißt es, dass es bei ihm nur wenige Noten gebe, die sich nicht auf die musikalische Tradition bezögen. Auf Bach natürlich, aber auch auf Boulez, auf Stockhausen und Luigi Nono genauso wie auf Strawinsky, Debussy, Mozart, Schütz und Monteverdi. Man darf sich das nicht allzu wörtlich vorstellen, es geht nicht um ein neoromantisches Erkennen Sie die Melodie?, sondern um ein Konzentrat, mannigfach eingeköchelt und reduziert. Das erklärt auch die sagenhafte Kürze seiner meisten Werke. Wie schwarze Löcher, vollgepfropft mit Wissen, mit Rezeption, "noch das Leiseste, Zarteste droht aus den Nähten zu platzen", schrieb die Süddeutsche Zeitung 2006. Manche Lieder, etwa aus den Kafka-Fragmenten op. 24 (erst im fortgeschrittenen Alter wagte sich Kurtág überhaupt an größere Besetzungen), dauern nur ein paar Sekunden, und selbst ... quasi una fantasia ... ist nach zehn Minuten vorbei.