Die Krise hat ihre Spuren hinterlassen. Kratzer bei den einen, tiefe Narben bei den anderen. Und manchem brachte sie das Ende. Die Odenwaldschule: geschlossen. Internat Burg Nordeck: geschlossen. Allein in den 14 Einrichtungen, die dem Verein Die Internate Vereinigung angehören, sind in den vergangenen fünf Jahren die Schülerzahlen um rund 20 Prozent gesunken. Das seien etwa 400 Plätze, sagt Burkhard Werner, Vorsitzender der Vereinigung. Nicht verschont blieben auch die katholischen Internate. In den 40 Einrichtungen, die dem Verband Katholischer Internate und Tagesinternate angehören, gingen die Schülerzahlen seit 2005 von etwa 4.300 auf 3.500 zurück.

Nun aber sei der Schwund gestoppt, heißt es beschwichtigend. Wo immer man in diesen Tagen nachfragt: Von Krise will keiner mehr sprechen. Herausforderung sagen die einen, Veränderung die anderen. Man hat sich arrangiert.

Dennoch: Die Krise hat die Internate hart getroffen und viele überrascht. Es begann mit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums. Ein ganzer Schülerjahrgang brach den Internaten damals weg. Häufig waren gerade die Oberstufenklassen jene, die am stärksten nachgefragt wurden. Die Internate profitierten von älteren Schülern, die hofften, auf diesem Weg noch das Abitur zu schaffen, wenn es anderswo aussichtslos schien. Die Krise verschärfte sich mit dem Bekanntwerden der Missbrauchsskandale an der Odenwaldschule, im Kloster Ettal, am Berliner Canisius-Kolleg und etlichen anderen Einrichtungen. Eltern waren verunsichert, die oft zähe und lückenhafte Aufarbeitung der Vorfälle kostete viel Vertrauen, Präventionskonzepte kamen spät.

Internatsschüler blieben aber auch deshalb aus, weil sich die öffentlichen Schulen veränderten. Ganztagsangebote wurden für Eltern ein akzeptabler Weg, Karriere und Kinder zu vereinbaren. Wer aus diesem Grund früher noch ein Internat wählte, entschied sich nun eher dagegen. Zudem begannen die Väter, anders als noch vor 10 oder 15 Jahren, sich stärker in die Erziehung und Betreuung der Kinder einzubringen.

Jede Einrichtung begegnet dem Schülerrückgang auf ihre Weise: Manche Schulen haben Drei- oder Vierbettzimmer in Zweibettzimmer verwandelt. Damit lässt sich bei Schülern wie Eltern punkten, und der Leerstand fällt nicht mehr auf. Das Benediktiner-Kloster Ettal will künftig erstmals auch Mädchen aufnehmen – 115 Jahre lang war es ein reines Jungeninternat. Auch andere haben neue Wege gesucht, um Schüler zu werben. Zum Beispiel das Internat Marienau bei Lüneburg. Dort, so sagt die Leiterin Heike Elz, sei die Schülerschaft in den vergangenen fünf Jahren internationaler geworden. "Die Globalisierung ist in der Schule angekommen." Und das, obwohl die Schule keinen internationalen Abschluss anbietet – andere Schulen haben genau den in ihr Konzept aufgenommen, aber Elz hat festgestellt: "Unsere internationalen Schüler wollen das deutsche Abitur machen, um hier studieren zu können." Diese Nachfrage hat man in Marienau als Chance erkannt und akquiriert inzwischen gezielt auf Bildungsmessen an deutschen Schulen im Ausland, beschäftigt jetzt Lehrer, die spanisch oder russisch sprechen. Etwa 15 Prozent der Internatszöglinge stammen aus Ländern wie der Türkei, Russland, Mexiko, Spanien oder China. Vor allem chinesische Eltern schätzen deutsche Bildung. Deutsche Internate könnten mehr Chinesen aufnehmen, als es Plätze gibt. In Marienau etwa kommen 12 von 145 Schülern aus China. Man achte allerdings streng darauf, dass nie mehr als zwei internationale Schüler aus demselben Sprachraum in einer Klasse seien, heißt es in Marienau. Sogar einige Flüchtlinge beherbergt das Internat jetzt. "Wir haben hier alles, was die Flüchtlinge brauchen: Wohnraum, Essen, Schulbildung, arabisch sprechende Mitarbeiter und Schutz", sagt Elz.