Es ist ein Mittwochabend Anfang Februar, als Jürg Schaufelberger die Bühne im Saal des Kirchgemeindehauses betritt und die Jungen bittet, den Alten Platz zu machen. Für jene, die aufstehen, gibt es Gratis-Bier. Es hat zu wenig Stühle im Saal. 150 Weesner sind gekommen, um sich die Kandidaten für das Gemeindepräsidium anzuschauen, die Schaufelberger ihnen präsentieren wird.

Der 50-jährige Informatiker, Vater von drei erwachsenen Kindern, ist ein schlanker Mann mit kurzem braunen Haar. Er trägt ein hellblaues Hemd, schwarze Anzughosen: Jung und dynamisch als Lebenshaltung. Schaufelberger ist zuständig für das politische Personal in seinem Dorf. Freiwillig sucht er nach geeigneten Kandidaten für den Schul- und den Gemeinderat. Er ist der Headhunter von Weesen.

Seine Gemeinde preist sich als "Riviera am Walensee". 1.600 Einwohner. Politisch Kanton St. Gallen. Gefühlt Glarus. Gependelt wird nach Zürich. Das Dorf ist eine von zehn Gemeinden im Linthgebiet. Fünf davon suchen in diesem Jahr einen neuen Gemeindepräsidenten. Das ist keine leichte Aufgabe. Wie 60 Prozent aller Schweizer Dörfer haben auch sie Mühe, ihre politischen Ämter zu besetzen. Ortsparteien verschwinden. In kleinen Gemeinden werden sie immer häufiger: Die Wahlen ohne Auswahl.

Auch die Weesner wissen, wie schwierig es ist, Leute für die Lokalpolitik zu gewinnen. Ende 2015 schalten sie deshalb ein Inserat in der Zeitung. Gesucht wird: "GemeindepräsidentIn (80 %)", mit "Verhandlungs- und Formulierungsgeschick", eine Person mit "hoher Integrationsfähigkeit", "Kenntnissen im Rechts- und Finanzwesen". Bedingung: die Bewerber müssen nach Weesen ziehen. Oder schon da wohnen.

Der letzte Gemeindepräsident, der noch von einer Partei portiert worden war, hat im November seinen Rücktritt eingereicht. Das Amt lastete zu schwer auf Mario Fedi. Er wolle wieder mehr Freiheit haben, wieder ruhig schlafen können, sagte er an einer Pressekonferenz. Schlaflos in Weesen titelte daraufhin die Südostschweiz.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 10 vom 25.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Natürlich, sagt Jürg Schaufelberger, sei dies nicht gerade beste Werbung, um einen neuen Gemeindepräsidenten zu finden. Zwei Stunden vor der öffentlichen Podiumsdiskussion. Schaufelberger legt sein blaues Citybike, Modell Crosswave Cruiser, vor der Dorfbeiz auf den Boden. "Es fällt ohnehin um. Bei diesem Wind." Auf den Gepäckträger hat er einen weißen Plastiksack geklemmt. Mitgebracht vom Einkauf im Nachbardorf. Schuh-Egger Niederurnen steht drauf. Im Sack: die Unterlagen für heute Abend.

Schaufelberger grüßt den Kellner. Er lebt seit 45 Jahren in Weesen, kennt hier jeden. "Ich hätte gerne eine kleine Portion Risotto und einen Tee." – "Welche Sorte?" – "Egal, ich mag keine. Aber ich brauche einen Tee wegen dem Hals." Bald beginnt "der große Showdown" mit den drei Kandidaten, die Gemeindepräsident werden wollen.

Dass die Weesner eine Auswahl haben, ist Schaufelbergers Verdienst. Er weiß, wie man Ämter besetzt. Lange Jahre war er Mitglied der FDP-Ortspartei. Bis nur noch er und 1.200 Franken übrig waren. Mit Wehmut löste er die Partei auf und gründete das Forum Weesen, eine parteipolitisch unabhängige Gruppierung. Zwei Mal im Jahr lädt sie zu einer öffentlichen Diskussionsrunde, um den Austausch zwischen Behörden und Bevölkerung zu fördern. Heute ist Schaufelberger auch im Forum Weesen das einzige Aktiv-Mitglied.

Also überlegte er sich, wie die Weesner auch ohne Parteien einen neuen Gemeindepräsidenten finden. Mit einem Volksassessment.