Es ist wie mit manchem Kleinod. Es fristet sein Dasein im Verborgenen, weit weg von der großen Aufmerksamkeit. Doch jetzt, da alle vom Neuen, vom Aufregenden reden, soll das Kleine, das Verschupfte endlich seine Bühne kriegen.

Weit über das Land. So heißt das neue Buch von Peter Stamm, das nächste Woche mit einer Vernissage gefeiert und anschließend – mit seinem Autor – auf einer großen Lesereise durch Deutschland zieht. Die vielen Stamm-Freunde und -Fans werden auch seinen neuen, 200 Seiten langen Roman mögen. Seinen Stil, seine Sprache. Melancholisch, unterkühlt, nüchtern. Stamm halt.

Die Geschichte handelt von Mann und Frau und der Beziehung dazwischen. Und davon, wie einer aufbricht. Am letzten Ferientag, nach einem Glas Wein. Aufsteht und geht. Aus dem eigenen Leben hinaus.

Vom Fortgehen handelt auch das vielleicht beste Werk des Schweizer Schriftstellers. Das Kinderbuch Warum wir vor der Stadt wohnen. Der Unbekanntling macht keine Reisen, er steht, wenn überhaupt, dann in der untersten Reihe des Bücherregals. Eingequetscht zwischen Schüleratlas, Ortsgeschichte und unberührten Ausstellungskatalogen.

Das Buch (ab 5 Jahren) handelt von einer siebenköpfigen Familie. Von Großmutter, Großvater, Mutter, Vater, drei Kindern – und einer Katze, die von einem unmöglichen Ort zum anderen umziehen. 17 Mal tun sie das auf den 42 Seiten, von Jutta Bauer fein illustriert.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 10 vom 25.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Vom Hut des Onkels auf das Kirchturmdach, von der Geige der Tante nach Nirgendwo. In einen Trolleybus, ins Kino, in ein Haus mit drei Telefonaten – oder auf den Mond. Dort geht am Abend die Erde auf und am Morgen wieder unter.

Von kleinen und großen Unbill getrieben, zieht die bunte Truppe immer weiter. Um endlich eine Antwort auf die ewige Frage zu finden: Wo ist zu Hause?

Der Kinderbuch-Stamm schreibt so rasant wie poetisch und mit all dem Witz und der Lebensfreude, die er sich in seinen Romanen verklemmt. Probleme werden nicht gewälzt, sondern mit Fantasie und Verrücktheit gelöst. Oder wie Stamm selber einmal über diese Art des Schreibens sagte: "Ich kann mehr fabulieren, die Zügel lockerer lassen und auch mal Quatsch schreiben."

Schade eigentlich, dass Peter Stamm sich in seiner Literatur für die Großen so quält. Und unverständlich, weshalb er unterm Scheffel hält, dass er für die Kleinen richtig groß schreiben kann. Außer einem Hinweis auf seine Heidi-Interpretation durchforstet man seine Website vergeblich nach einem Zeichen für diese besondere Kunst.

Peter Stamm: Warum wir vor der Stadt wohnen. Illustrationen von Jutta Bauer. Beltz & Gelberg, Weinheim 2005; 40 Seiten, sFr. 21,90