Einer der großen Tagebaue in Kolumbien. Die übermannshohen Laster, in denen die Kohle transportiert wird, wirken darin klein wie Ameisen.

Manche Dorfbewohner bekommen keine Luft mehr – ihre Lungen zersetzen sich

Orozco will den Dorfchef besuchen, einen korpulenten Mann mit freundlichem Blick. Bei ihm im Hinterhof setzt sich Orozco auf einen Plastikstuhl. Der Dorfchef reicht knusprigen Fisch und weiche, dampfende Kochbananen. "Weißt du noch, wie du mir früher gezeigt hast, wie man Fische aus dem Fluss fängt?", fragt er und greift mit der Hand in die Luft. "Zack, hatte man mindestens zwei." Die Männer lachen. Den Fluss gibt es heute nicht mehr, er musste der Mine weichen. Das Geschäft mit der Kohle hat auch das Leben von Ovidio Orozco und seinem Dorfchef umgegraben.

Es ist jetzt 20 Jahre her, da rückten in der Nähe von Boquerón die ersten Bagger an, in der Guajira begannen die Grabungen schon zehn Jahre früher. Kolumbien war in diesen Jahren geprägt vom blutigen, oft undurchsichtigen Krieg zwischen der Farc und rechtsgerichteten Paramilitärs. Wie viele andere lateinamerikanische Länder steckte es in den achtziger Jahren in einer Rezession; die Regierung lockte ausländische Investoren für den Kohleabbau ins Land. Mit schweren Folgen für Bauern wie Orozco. Es gibt in Kolumbien keinen Staat wie in Deutschland, der die Bauvorhaben und ihre Umsetzung kontrolliert. Kein Bergbaugesetz, das die Umsiedlung der Dörfer regelt. Keine Forschungsinstitute, die Alarm schlagen, wenn fragile Ökosysteme durch den Kohleabbau zerstört werden. Wer in Kolumbien Kohle abbauen wollte, konnte sich damals ungestört ausbreiten. Quellen und Flüsse wurden zerstört, Menschen vertrieben. Heute graben hier ausländische Großkonzerne nach Kohle, darunter das US-amerikanische Bergbau-Unternehmen Drummond (siehe Kasten).

Im Nordosten des Landes sieht man die Spuren des Bergbaus überall: die Ruinen von Tabaco, einer Geisterstadt, aus der die Bewohner mit Waffen verjagt wurden. Das Dorf Chancleta, dessen Wasserquellen zerstört wurden und dem das Bergbau-Unternehmen Cerrejon nun Tanks bereitstellt, die die Bewohner mehr schlecht als recht mit Wasser versorgen. Die Gemeinde Hatillo, ganz in der Nähe von Boquerón, in der Hilfsorganisationen vor zwei Jahren eine Ernährungskrise ausriefen, weil auch dort das Wasser gekappt wurde und den Dorfbewohnern die Ernte vertrocknete.

"Wir dachten, wenn die Mine kommt, wird Boquerón das schönste Dorf des Landes", sagt Orozco, "wir hofften, wir würden alle dort arbeiten." Orozcos Traum war naiv. In den Minen Nordkolumbiens baggern riesige Maschinen die Kohle aus der Erde. Sie zu bedienen ist so kompliziert, dass dafür mehr nötig ist als die Erfahrung aus vier, fünf Klassen in der Dorfschule und die täglichen Runden mit dem Trecker auf einem Reisfeld. Der Dorfchef sagt: "Heute geht es uns schlechter als vorher." Er deutet mit dem Kopf in seinen sandigen Hof. "Hier wächst kein Gras mehr. Die Flüsse sind weg. Mein ganzes Dorf wird krank."

Arbeiter in der Kohleregion Cesar

Er reißt ein ovales Blatt vom Guajakbaum und fährt mit dem Zeigefinger über die Oberfläche, seine Kuppe färbt sich dunkel: "Das ist doch Kohle", sagt er. Er erzählt von Bewohnern, die Asthma und Lungenkrankheiten bekamen, von den schwarzen Partikeln im Brunnenwasser, vom sinkenden Grundwasserspiegel. Seine Stimme wird lauter. "Gesunde Menschen, die mit Mitte 50 blind werden", sein Blick wandert zu Ovidio. Der kann nicht mal eben sein Smartphone aus der Tasche ziehen, um zu googeln, was der Staub, der beim Abbau der Steinkohle entsteht, mit seinen Augen macht. Oder um zu lesen, dass der Brunnen trocken ist, weil der Kohleabbau das gesamte Hydrosystem der Region aus dem Gleichgewicht gebracht hat.

Lange Zeit hat sich kaum jemand dafür interessiert, was in den Dörfern um die Minen herum passierte. Seit einigen Jahren aber gibt es Stimmen aus dem Norden Kolumbiens, die den Kohleabbau kritisieren – und die gehört werden, immer öfter. Alvaro Castro Merino etwa, Arzt im Krankenhaus von La Jagua de Ibirico, 20 Minuten von Boquerón entfernt. Er wunderte sich schon vor Jahren über die zahlreichen Fälle von Silikose, der Staublunge, die in Deutschland von den Bergarbeitern im Ruhrgebiet bekannt ist. Über die hohe Anzahl von Hautpilz- und Augenerkrankungen.

Merino sitzt vor seinem tinto, dem kleinen schwarzen Kaffee, der ihm in der Hitze der kolumbianischen Mittagszeit wieder Energie geben soll. Ein Mann um die 50, mit randloser Brille, der sich den Schweiß von den Schläfen wischt. Viele der Krankheiten, die er hier in den letzten Jahren behandeln musste, hat er das letzte Mal während der Ausbildung im Lehrbuch gesehen: "Früher hatte hier kein einziges Kind Asthma oder Feinstaub in den Augen", sagt er. Heute säßen sie reihenweise bei ihm im Behandlungszimmer. Menschen, die nachts violett anlaufen, weil sie keine Luft mehr bekommen, oder deren Lunge sich zersetzt. Viele dieser Krankheiten zeigen sich erst spät, nach fünf, zehn, manchmal nach 20 Jahren.