Der Lessingtunnel in Altona ist eine Herausforderung: Viel Zwielicht, viel Metall, unter den Bahngleisen gurrt und tropft es. Aber wirklich gruselig ist die Straßenführung für Radfahrer, die von der Max-Brauer-Allee kommen und darauf vertrauen, dass der markierte Radstreifen auf der Fahrbahn im Tunnel sie auch wieder ans Tageslicht bringt. Leider ist das Gegenteil der Fall: Irgendwann verwandelt sich die durchgezogene Linie in eine gestrichelte. Und dann verschwindet auch noch die.

Spätestens jetzt rücken die Autos deutlich näher: Autofahrer, die am Tunnelausgang rechts abbiegen wollen, scheren dorthin, wo eben noch der Schutzstreifen für radfahrende Minderheiten verlief, nur knapp vorbei an dem schwitzenden Radler. Wieso hat der sich mit dem Verschwinden seiner Fahrspur denn nicht auch in Luft aufgelöst?

Und: Es wird eng. An den Autos rechts kommt der Radfahrer kaum vorbei. Und links drängen sich die Autofahrer, die links abbiegen wollen. Wie der Radler auch. Aber keine Chance, jedenfalls nicht, ohne für suizidal gehalten zu werden.

Es gibt Radfahrer, die benutzen den Tunnel zweimal täglich und benötigen abends eine Stunde zur Rekreation. Andere fahren einen Riesenumweg. Wieder andere nehmen den Fußweg in der Mitte und erschrecken Fußgänger fast zu Tode, aus ihrer Sicht immer noch besser, als selber ganz zu Tode gefahren zu werden.

Fragt sich: Was ist der Sinn dieser Mausefalle für Zweiradfahrer? Steckt dahinter ein städtisches Demütigungsprogramm? Rache für all die missachteten Verkehrsregeln? Es sei "ein Kompromiss", sagt Richard Lemloh, Sprecher der Verkehrsbehörde: Einerseits habe man Radfahrspuren einrichten wollen. Andererseits "musste die Leistungsfähigkeit für den Kfz-Verkehr gewährleistet bleiben", und dafür seien separate Abbiegespuren am Tunnelende unerlässlich.

Ob es nicht eine humanere Lösung für die Radfahrer gegeben hätte, als deren Spur einfach aufhören zu lassen? Oder noch besser: vielleicht mehr Platz?

Kaum begannen wir zu recherchieren, gab die Stadt Hamburg bekannt, dass der Lessingtunnel komplett neu gebaut werde, es werde auch der Bahnhof Altona verlegt, aber, Hauptsache!, der Tunnel werde schöner, lichter, mit mehr Platz, ein Radfahrer-Traum.

Mehr noch: Obwohl er während des Neubaus ab August anderthalb Jahre lang für Autos gesperrt sei, so Sprecher Lemloh, dürften Fahrradfahrer, außer bei der Vollsperrung in den Sommerferien 2017, weiter durchfahren. Radfahrer: Vorsicht! Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Mark Spörrle