Die Nacht ist kalt wie selten, als Anna Krug* (Name geändert) am 1. Februar 1982 in einem Feuerwehrauto ihr zweites Kind zur Welt bringt. Es sollte eine Hausentbindung werden, doch die Hebamme, jung und unerfahren, hatte Panik bekommen. Annas Mann, Alexander, rief den Rettungsdienst, kein Krankenwagen verfügbar, also die Feuerwehr. Auf dem Weg ins Auguste-Viktoria-Klinikum Berlin kommt Manuel, blonder Flaum, weiche Gesichtszüge, 3.000 Gramm.

31 Jahre später sitzt Manuel Krug nackt im Neptunbrunnen am Alexanderplatz und sägt sich mit einem Brotmesser in den Hals. Das Kehlkopfskelett liegt frei, die oberflächlichen Halsmuskeln sind durchtrennt. Das Wasser hat sich rot gefärbt. Manuel ruft, er sei der Messias. Die Polizei hat das Gelände abgesperrt. Beamte laufen umher, Rettungssanitäter, Feuerwehrmänner. Schaulustige filmen mit Mobiltelefonen. Es ist der 28. Juni 2013, 9.40 Uhr, Manuel sitzt und sägt. Er hat noch 28 Minuten zu leben.

In den kommenden Tagen wird jeder, der will, Manuel auf verwackelten Handybildern beim Sterben beobachten können, Schreie hören und einen Polizisten sehen, der Manuel ohne Vorwarnung in den Oberkörper schießt.

Es gilt als amerikanisches Phänomen: Polizisten, die wehrlose Personen töten. Doch auch in Deutschland schießen Polizisten laut dem aktuellen Bericht der Innenministerkonferenz alle acht Tage auf einen Menschen. In den USA sind die meisten Opfer Afroamerikaner, in Deutschland seelisch Kranke. Menschen, die selbst Hilfe benötigten.

Eingebettet in die Arme der Mutter, kommt Manuel nur Stunden nach der Geburt nach Hause, Laubacher Straße 8, Berlin-Friedenau. Zwei Zimmer, Küche, Bad, Balkon. Vierter Stock. Alexander, stolzer Vater, öffnet die Tür, beugt sich über das Kind und staunt ob der Schönheit dieses Jungen. Enrico, zwei Jahre alt, will ihn auch sehen, den neuen Bruder.

Das erste Licht des Tages leuchtet über dem Neptunbrunnen. Zehn Polizisten umstellen den Beckenrand, acht zielen mit Pistolen auf Manuel, Sternzeichen Wassermann. Über ihm thront, mit Dreizack in der Hand, Neptun, Meeresgott aus Bronze.

"Ich war keinem Menschen in meinem Leben näher als ihm", sagt sein Bruder

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Manuel, erkrankt an einer paranoiden Psychose, hat sich in Arme und Hals gesägt, nicht lebensbedrohlich, doch er blutet stark. Er sieht die Waffen um sich herum. Ein geistig kranker Mensch gerät bei Bedrängnis in Panik. Keiner der Einsatzkräfte ist ausgebildet für den Umgang mit seelisch Kranken, keiner ruft den sozialpsychiatrischen Dienst.

Manuel, ein ruhiges Kind, ist vier, als seine Eltern sich scheiden lassen. Die Mutter spricht von Misshandlung der Söhne durch den Vater, der streitet die Vorwürfe ab. Ein Gericht entscheidet: Besuchsrecht für den Vater an jedem zweiten Wochenende.

Anna Krug zieht die Kinder alleine groß. Nebenher studiert sie und geht arbeiten. Zu Hause ein Stockbett, Enrico schläft oben, Manuel unten. Wenn sie allein sind, vertreiben sie sich die Nachmittage mit Streichen. Kippen Wasser vom Balkon. Haben Ärger mit den Nachbarjungs. Halten zusammen. Zwei Brüder: unzertrennlich. Der Vater besucht sie alle 14 Tage. Er geht mit ihnen spielen, ins Kino, kicken. Unterhalt zahlt er nicht.

Anna Krug heiratet erneut und zieht mit den Söhnen zum Stiefvater nach Schöneberg. Der kümmert sich um die Jungen. Die finden den Neuen toll, die Mutter nicht. Trennung nach einem Jahr.

Neben dem Neptunbrunnen liegen eine Bluejeans, 30 Euro in der Hosentasche, ein Hemd, Socken, Turnschuhe von adidas. Auf einer Parkbank, unbemerkt, Manuels Lederjacke, liebstes Kleidungsstück seit Jahren, darin sein Personalausweis.

Wie lebt man weiter als Bruder?

Manuel war ein robustes Kerlchen, lief selbst bei Schnee im T-Shirt nach draußen, erinnert sich Alexander Krug, Ur-Berliner, im Café Zillemarkt. Ein Märznachmittag: Draußen zögert der Frühling, es regnet. Der Vater erzählt von Geburt und Kindheit. Er sagt: Manuel war auch Berliner, deshalb wollte ich ihn hier beerdigen, seine Mutter aber war für Bremen. Hat sich durchgesetzt, die Frau.

Die Frau zieht nach der Trennung vom zweiten Mann mit den Söhnen nach Bremen. Enrico kommt schnell zurecht, findet Freunde, lärmt und lacht, Manuel steht auf dem Pausenhof allein herum.

David B., Gruppenführer, läuft auf Manuel zu, geht in die Hocke. Leise, umgeben vom Lärm am Alex, redet er auf den Kranken ein. Manuel hört, schweigt, bedroht niemanden. Hinter seinem Rücken steigt der Polizist Christian F. in den Brunnen.

Manuel nervt. Macht dem großen Bruder alles nach. Enrico, 14, wird Fan der Toten Hosen, Manuel auch. Enrico mag PCs, Manuel auch. Enrico spielt Playstation, Manuel auch. Aber nicht falsch verstehen, unterbricht Enrico die Erinnerung: "Ich habe in meinem Leben mit keinem Menschen mehr Zeit verbracht, war keinem näher als ihm." Enrico, 35, schwarzes Haar, Bart, sucht nach Worten, die dem Bruder gerecht werden. Er blickt um sich, in der Lokalecke, und bleibt sprachlos.

Der Polizist Christian F., seit 6.45 Uhr im Dienst, steigt mit Schlagstock in den Brunnen. Manuel sieht ihn, erschrickt, springt auf, in der rechten Hand das Messer, Klingenlänge 17 Zentimeter. Manuel geht auf Christian F. zu. Kommt näher. F. zieht seine Pistole, eine Patrone im Lauf, sieben im Magazin. Die Distanz schwindet, drei Meter, zwei Meter. Ein Beamter schreit: Messer weg! Messer weg!

Dann fällt der Schuss.

Aus dem Obduktionsbericht: Einschussverletzung vorne 4 cm links neben der rechten Brustwarze, weniger als 1 cm Durchmesser, Schussbruch der 5. Rippe ... rechte Brusthöhle eingefallen, darin mehrere abgesprengte Rippenfragmente und eine gelbe Projektilkappe. Ausschussverletzung am Rücken ...

Manuel, getroffen aus der Dienstwaffe des Christian F., bleibt stehen, blickt auf sich hinunter, ein Loch in der Brust, er schwankt, fällt ins Wasser.

Dreizehn Jahre alt und endlich Anerkennung von Enrico, großer Bruder, großes Vorbild. Manuel vollführt Tricks auf Inlineskates, die Enrico staunen lassen. Seine Tage verbringt Manuel auf dem Skateplatz. Zu Hause nistet sich der neue Freund der Mutter ein, Bernd S., der, sagt Enrico, viel trank und viel schrie. Er mag die Kinder nicht, und die mögen ihn nicht. Enrico haut mit 18 ab. Manuel, zu jung, muss bleiben.

Manuel will sich aufrichten, doch Polizisten stürmen auf ihn zu, er versucht sich ein letztes Mal zu wehren, gegen die Beamten, vielleicht auch gegen diese Welt, die ihn erdrückte, ihn alleinließ. Dann brechen seine Vitalfunktionen zusammen. Der Notarzt schiebt den Beatmungsschlauch in die Luftröhre. Manuel liegt reglos auf dem Rücken. Um 10.08 Uhr hört sein Herz zu schlagen auf.

Wie lebt man weiter als Bruder? Enrico, Agnostiker, zitiert Luther. Der soll gesagt haben, man müsse lernen, auf Scherben zu laufen. Denn: Das Schlimme bleibt. Die Frage ist, wie damit umgehen.

Manuel ist 17 und liebt zum ersten Mal: Anna, langes Haar, braune Augen, mariengleich. Kaum volljährig, zieht Manuel zu Hause aus in die Bremer Innenstadt. 2001 Abitur. Und sonst immer zusammen mit Anna, die noch bei der Mutter lebt, Sylvia. Die mag Manuel, kümmert sich. Er schreibt sich an der Uni ein, Studiengang BWL, Ziel: Steuerberater.

Um 12 Uhr beginnt in der Gerichtsmedizin die Obduktion des Manuel Krug, 1,87 Meter groß, 70 Kilo schwer. Eine Restwärme des Toten ist noch spürbar, auf dem Rücken erste blau-violette Totenflecke. Spuren von Amphetamin, MDA, MDMA, MDE, Methamphetamin und THC. Der Schädelknochen wird kreisförmig aufgesägt, das Gehirn entnommen, 1.570 Gramm, das Herz 350 Gramm. Um 12 Uhr kommt Enrico von der Uni nach Hause, setzt sich an den PC, scrollt durch Nachrichten: 31-jähriger Mann am Neptunbrunnen erschossen. Er überfliegt Überschriften, vergisst sie. Von seinem Bruder hat er seit Mai nichts gehört. Um 12 Uhr wird in Zimmer 431 des LKA Berlin der Polizeibeamte Christian F. vernommen. Auszüge: "Nachdem ich meine Waffe auf die Person gerichtet hatte, blieb diese in circa 3 m Entfernung zu mir kurz stehen, ging aber dann weiter auf mich zu. Als die Person noch ungefähr 1,5 m von mir weg war und immer noch auf mich zukam, habe ich geschossen."

Wie hat sich die Person dann weiter verhalten?

"Erst schaute sie mich vermutlich ungläubig an, die Augen waren vorher schon weit aufgerissen, weiteten sich aber nun noch mehr. Danach schaute sie auf ihre Brust hinunter, erkannte den Einschuss, fing an zu schwanken und sackte dann zusammen."

Was war für Sie der Grund zu schießen?

"Dadurch, dass die Person mit einem Messer in der Hand weiter stoisch und ohne auf Zurufe zu reagieren auf mich zuging, habe ich dies als sehr bedrohlich für meine Gesundheit und mein Leben empfunden, vor allem da die Person für mich nicht lesbar war durch ihr bisheriges Verhalten. Man konnte nicht erkennen, was will er, wie reagiert er."

Wie geht es Ihnen?

"Ich fühle mich im Moment normal. Ich habe wahrscheinlich noch nicht realisiert, was wirklich passiert ist." Niemand fragt Christian F., warum er nicht etwa auf die Beine geschossen habe.

Drei Kilometer entfernt endet die Obduktion von Manuel Krug um 14.10 Uhr, Kostenpunkt 699,01 Euro. Der Verstorbene wird dem Leichenschauhaus Berlin übersandt.

"Die Polizei hätte den sozialpsychiatrischen Dienst rufen müssen"

Manuel trennt sich von Anna. Anna ist fremdgegangen, nach drei Jahren, sie beschwört ihn: Verzeih, verlass mich nicht. Manuel bleibt hart. Danach, sagt Enrico, wurde er erstmals auffällig, auf Familienfesten. Fiel Verwandten ins Wort, trug krude Weltanschauungen vor. Die Menschen wandten sich von ihm ab. Manuel redet sich in die Einsamkeit.

Und die treibt ihn in die Arme von Sylvia, Annas Mutter. Sie kümmert sich um ihn, kocht, wäscht. Irgendwann der erste Kuss. Alexander Krug kramt durch Familienfotos, sucht Sylvia, findet sie nicht. War eine aalglatte Frau, sagt er, an so was komm ich nicht ran. Aber hat gesoffen, und Manu mit ihr. Sah sie wohl als Mutterersatz. Zur eigenen Mutter hat er kaum Kontakt, und wenn: Streit. Manuel beginnt zu vernehmen, was andere nicht hören können: Stimmen im Kopf. Manchmal fährt er im Taxi durch die Stadt. Bezahlt nicht. "Warum?", fragt Enrico. "Ich bin der auserwählte Jude", spricht Manuel in ein verständnisloses Gesicht. "Da muss ich nicht zahlen."

16 Mal tritt Manuel in Bremen polizeilich in Erscheinung. Auch am 22. März 2009, Anna Krug erstattet Anzeige gegen den Sohn. Der verhalte sich fremdgefährdend. Zwangseinweisung. Diagnose: paranoide Psychose, Unterform der Schizophrenie.

Einer von 100 Menschen erkrankt an Schizophrenie. Häufig hört der Betroffene Stimmen. Warum, ist unklar. Experten gehen von mehreren Faktoren aus: biologischen, etwa Störungen der Gehirnentwicklung. Psychischen, ausgelöst durch belastende Lebensumstände oder Drogen. Und genetischen.

Mich, flüstert der Vater ins leere Café, führen sie in den Akten ja auch als schizophren. Nach Manus Tod bin ich zusammengeklappt. Kam in die Klapse. Bin aber nicht krank. Mein Vater ist krank, sagt Enrico, eine leichte Schizophrenie, aber nie so ausgeprägt wie bei Manuel.

Im Oktober 2009 zieht Manuel zurück nach Berlin, erst zum Vater, später in eine eigene Wohnung, auch Enrico lebt in Berlin.

Gegen 17.30 Uhr klingelt eine Beamtin in Bremen am Reihenhaus von Anna Krug, überbringt die Nachricht. Zwei Stunden später ruft Bernd S. bei der Polizei Berlin an. Er berichtet von Manuels aggressiver Art, seiner Ablehnung jeglicher Therapie. Es tue ihm, erklärt Bernd S., sehr leid für den betroffenen Beamten. Er lässt ihm Grüße ausrichten.

Der aufgebahrte Bruder: Mensch, Manuel, dachte ich kurz, steh doch auf

Zwei Polizisten verschaffen sich Zugang zu Manuels Apartment, im Plattenbau in Berlin-Weißensee. Das Schloss wird aufgebohrt, dahinter Fragmente eines Lebens. Ein Zimmer, der Boden bedeckt mit Essensresten, Müll, Papieren. Überall Fliegen. Im Kleiderschrank sieben Hanfpflanzen, 30 Zentimeter hoch. Die Beamten finden zwei Blister mit Tabletten, Quetiapin Hexal 400 mg, sieben Tabletten entnommen, Doxycyclin Heumann 100 mg, fünf Tabletten entnommen. Kein Abschiedsbrief.

Mein Bruder, sagt Enrico, wollte keinen Selbstmord begehen. Er war im Wahn. Die Polizei hätte den sozialpsychiatrischen Dienst rufen müssen.

Manuel versucht, sein Leben zu ordnen. Setzt sein Studium fort. Schreibt seine Diplomarbeit. Trennt sich von Sylvia. Im Januar 2013 zieht er in die Nüßlerstraße, Apartment 610. Er geht zum Arzt, will Medikamente nehmen. Die Stimmen aber verschwinden nicht, auch nicht die Verzweiflung. Er zieht sich zurück. Enrico will ihn sehen, wird vertröstet. Der Vater fragt, wann Manuel mal vorbeischaut. Der antwortet per SMS: Kann so we rumkommen genieße sonne freizeit. Letztes Lebenszeichen, 15. Mai 2013, 14.01 Uhr. Er wird nicht mehr rumkommen.

In der ersten Zeit weiß man gar nicht, was man machen soll, sagt Alexander Krug. Egal, ob man Leute trifft, fernsieht, Zähne putzt: Es beißt. Wühlt.

Am Tag nach Manuels Tod zappt Enrico durchs Fernsehen, und plötzlich läuft da dieses Handyvideo, Manuel nackt im Neptunbrunnen. Enrico erkennt, wie sein Bruder auf den Polizisten zugeht, hört Schreie, den Schuss, sieht das Gesicht des Bruders, sieht, wie der ungläubig auf seine Brust blickt, sieht ihn schwanken, fallen, sterben.

Danach muss er sich allein um alles kümmern. Die Mutter in Bremen, der Vater in der Psychiatrie. Enrico geht zur Polizei, zum Staatsanwalt, zum Beerdigungsinstitut. Ins Krematorium.

Dort liegt, in einer Säulenhalle, die Totenbahre, darauf der Bruder. Man kann sich das nicht vorstellen, sagt Enrico, aber kurz dachte ich: Mensch, Manuel, da bist du ja! Nun steh doch auf. Und dann: Halt. Stopp. Alles vorbei. Enrico legt seine Hand auf die Wange des Bruders, streichelt ihm übers Gesicht, spürt Haut und Knochen und kein Leben. Wieder draußen, muss Enrico sich erbrechen.

Eine Woche später stehen 13 ausgebrannte Kerzen am Neptunbrunnen, dazu verdorrte Gladiolen und eine welke Sonnenblume. Manuel wird in Bremen beigesetzt, im Schatten einer Tanne. Gegen den Polizisten Christian F. wird ein Ermittlungsverfahren wegen Totschlags eingeleitet. Am 21. August 2013 wird es gemäß Paragraf 170 Absatz 2 Strafprozessordnung eingestellt, kein Anlass zur Erhebung der öffentlichen Klage. Der Anwalt der Krugs legt Beschwerde ein bis zum Bundesverfassungsgericht. Vergeblich. Zuletzt wollte er zum Europäischen Gerichtshof. Doch es gebe, sagt er, keine Erfolgsaussichten. Vor einem Jahr hörte Alexander Krug in den Nachrichten, dass nicht weit von Bremen ein seelisch kranker Mann, 31 Jahre alt, nackt, ein Messer in der Hand, von der Polizei erschossen worden sei. Er hörte es am 1. Februar 2015, an Manuels Geburtstag.