Man nannte ihn einen "Vandalen" und "Schmierfinken", den "Staatsfeind Nummer eins". Als der Zürcher Renato S. alias Puber im Jahr 2014 in Wien festgenommen wurde, ergoss sich eine Lawine der Genugtuung aus den beiden Alpenländern: Der heute 31-Jährige, der mit seinen Tags erst ganz Zürich und dann Wien verschmiert und in kollektivem Hass vereint hatte, war endlich gefasst.

Nun ist Puber zurück: nicht als Sprayer auf den Straßen, sondern mit Werken auf Leinwand, Holz und Jutesäcken. Seit vergangener Woche sind sie in der Wiener Ho Galerie zu sehen.

Und wieder kocht die Volksseele. "Verbrecher" und "Stadt-Verschmutzer" gehören noch zu den harmloseren Reaktionen auf die Ausstellung. Einem Typen wie Renato S., dem es einzig und allein um seine eigene Präsenz gehe, eine solche Auftrittsfläche zu geben – unerhört!

Haben die Empörten recht? Oder verkennen Zürich und Wien einen großen Sohn, den ihre properen Straßen hervorgebracht haben? Es wäre hier wie dort nicht das erste Mal, dass man die heimische Avantgarde verkennt.

In der Schweiz etwa erinnert man sich heute gern an Harald Naegeli, den Pionier des europäischen Graffiti-Writing, der als "Sprayer von Zürich" zu Weltruhm kam. In Wien lebte einst der eigentliche Erfinder der heute Tags genannten Signaturen. Sein Name: Joseph Kyselak. Bereits in den 1820er Jahren schmierte er seinen Schriftzug "Kyselak war hier!" quer durch die ganze Monarchie. Bis zum Tisch von Kaiser Franz I. soll er damit vorgedrungen sein. Naegeli wie Kyselak wurden als Vandalen verteufelt und von der Polizei jahrelang verfolgt.

Auch Puber kennt die harte Hand des Gesetzes. Zehn Monate Haft, vier davon unbedingt: So lautete im vergangenen Jahr das Urteil des Wiener Richters. Angeklagt hatte man Puber wegen Sachbeschädigung in 232 Fällen. Die Haftstrafe hatte er durch die Untersuchungshaft bereits abgesessen, dazu kamen allerdings Schadenszahlungen in der Höhe von 50.000 Euro.

Vermutlich ist es das Geld, das den Sprayer in die Galerie trieb. Die ihn dazu brachte, sich nun als Künstler zu versuchen.

I Like to Write My Name on Your Property heißt die Schau, die in der Kunstspielwiese des Wiener Szenegastronomen und Clubbesitzers Martin Ho zu sehen ist.

Damit ist der Inhalt gleich geklärt: Es geht um Puber und die Verbreitung seines Tags. Dazu ein paar Gangsta-Plattitüden, All that matters Graffiti Bitches Money, und viel, viel Selbstbeweihräucherung: Puber Nasty Outlaw Vandal. 300 bis 8.000 Euro kosten die Arbeiten in Aerosol-Acryl-Mischung. Für 7.000 Euro gibt es die gesamte Kollektion von 48 Stofftaschen, die Puber bei seinen Streifzügen mit Farbdosen benutzt haben soll.

Die Großformate machen sich hübsch an den Kellerwänden rund um die Tische in Martin Hos Restaurant Club X, wo nachts einem schicken Publikum Steaks und Drinks gereicht werden – Zutritt hat nur, wer einen der selektiv vergebenen Schlüssel erhält. Wer selber keine großen Summen für teuren Wandschmuck lockermachen kann, kauft sich im Galerieshop ein Stück echten Puber: Es gibt Kaffeetassen mit Puber-Schrift, signierte Schulmappen, Hipster-Jutebeutel und natürlich Smartphonehüllen für ein paar Euro. Damit wolle man, heißt es dazu in der Lifestyle-Galerie, den Ausverkauf der Street Art auf die Spitze treiben. Alles ganz kulturkritisch also.

"I Am Not a Graffiti Artist", schreibt Puber auf eine seiner Arbeiten. Er sieht sich noch immer als böser Junge, der sich mit allen anlegt. Wie im Kurzfilm Mein Kampf #1, der bei der Vernissage gezeigt wurde und nun auf YouTube zu sehen ist. Er zeigt den jungen Mann beim Sprayen, mit einem Joint in der Hand. Nackte Frauenhintern wackeln in die Kamera – unterlegt mit hartem Rap und Polizeisirenen.

Doch die Bilder wirken wie aus einer anderen Zeit. Selbst der eingeblendete Tagesschau-Kommentar über einen der "aggressivsten Sprayer des Landes" ist von gestern, von damals, als Puber noch ein gfürchiges Mysterium und Renato S. der große Unbekannte war.

Dem Zürcher ging es noch nie um Stil und Ästhetik. Sondern immer nur darum, der Größte zu sein. Als most hated möchte er bewundert werden. Wer Häuserfassaden, Straßenbahnen oder Brückenpfeiler mit seinem Tag vollschmiert, dem mag das gelingen. Wer in einer hübschen Galerie ein paar Leinwände ansprayt, wird scheitern. All das ist einfach zu nett. Ja, man wünscht sich fast, der böse Bub wäre bei seiner simplen Masche geblieben. Eine Spraydose, eine Signatur. PUBER.