Beerdigung in Ohlsdorf, Fritz-Schumacher-Halle. Der Sarg aus lasierter Kiefer kam im Mercedes-Oldtimer. 200 Trauergäste, Freunde, Verleger, Journalisten, Nachbarn, Fernsehstars, Schauspielerinnen, die Frauen des afghanischen Frauenvereins.

Große Stille.

Alle wissen: Diese Momente hat er geplant, was wir hier erleben, ist sein letztes Projekt. Er hat sich die Musik selbst ausgesucht, die Blumen, die Redner. Im Halbkreis hinter dem Sarg ranken schüchtern aufgeblühte Magnolienzweige: sein Lieblingsbaum. Um den Sarg ein Meer aus kleinen Terrakottatöpfen mit Ranunkeln in allen Farben: seine Lieblingsblumen. Dann kommt die Musik, und es ist für einen Augenblick so, als beginne nun eine seiner wunderbaren Jazz-Sendungen und gleich komme seine Stimme, um uns zu erklären, wie herrlich dieses zarte, melancholische Stück von Bill Evans für Solo-Piano ist: Peace Piece.

Aber es kommt Manfred Bissinger, ehemals Chefredakteur der Woche, in der Roger Willemsen so lange, wie diese Zeitung bestand, Hunderte von Kolumnen geschrieben hat. Und Bissinger sagt, was gesagt werden muss. Er nennt den Verstorbenen einen Homo intellectus und einen Renaissancemenschen, er spricht von seiner emotionalen Intelligenz, von seiner großen Empathie und davon, dass er die Menschen immer glücklicher verlassen habe, als er sie angetroffen hatte.

In der voll besetzten Halle wird viel geweint. Einige Trauergäste haben nicht einmal mehr einen Stehplatz gefunden und sehen sich die Feier in einem Vorraum auf den Monitoren an, als sei das hier seine letzte Sendung.

Auch die Trauerredner und Trauerrednerinnen kämpfen mit den Tränen. Nadia Nashir vom afghanischen Frauenverein, der draußen vor der Halle seine Spendenkörbchen aufgebaut hat, erzählt von ihren Reisen mit Roger Willemsen, von seiner Neugier, seinem herzlichen Lächeln, von seiner Großzügigkeit und den hundert Brunnen, die er in ihrer Heimat Afghanistan hat bauen lassen. Werner Köhler, Autor und Geschäftsführer der Lit.Cologne, deren Stammgast und Ideengeber Willemsen ein Jahrzehnt lang war, macht, wie er unter Tränen scherzt, seine "letzte Ansage" für den Freund. Oliver Vogel vom Fischer-Verlag erinnert an den Autor Willemsen und überbringt die letzten Worte des Sterbenden: "Ich bin im Reinen." Zwei Mal habe er das gesagt, zwei Tage vor seinem Tod. Und es klingt so, als wolle Roger Willemsen seine weinenden Trauergäste, denen hier niemand Trost spenden kann, selber ein wenig trösten.

Kein Geistlicher hat ihn begleitet. Dafür aber Johann Sebastian Bach. Eine kleine Ewigkeit lang spielt die Geigerin Isabelle Faust die Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-moll, und es ist, nein, nicht so, als könne man den Tod ungeschehen machen, aber doch so, als gehe dieser schwebende Augenblick nie zu Ende, als werde das hier nicht gleich alles vorbei sein, als gebe es noch eine andere Wirklichkeit, als werde der Sarg nicht gleich hinuntergelassen in den Keller der Halle, als werde er dort nicht gleich den Flammen übergeben. Als könne man die Welt am profanen Weitergehen hindern.

Das letzte Wort hat Katja Scholz, eine langjährige Freundin von Roger Willemsen, der so begabt für die Freundschaft war. Sie erzählt, wie der Freund in seinen letzten Monaten, nachdem er noch einmal nach Norwegen aufgebrochen war und ein letztes Mal an einem Fjord gesessen hatte, immer weniger Interesse an der Welt gezeigt habe. Er sei zart geworden, habe sich zurückgezogen. Was am Ende, als eigentlich fast alles vorbei war, noch zählte, war für ihn die "Freundschaftsliebe". Willemsen, der nie eine Familie gegründet hat und keine Kinder hinterlässt, hat um sich eine Familie aus verschworenen Komplizen geschaffen, die ihn bis in seine letzten Tage begleitet haben. Sie selbst, sagt Katja Scholz, habe das zunächst gar nicht glauben können: dass dieser "rasende Roger", der an jedem Abend auf einer anderen Bühne irgendwo in dieser Republik stand, der ständig neue und aufregende Bekanntschaften machte, dann doch so ein beharrlicher und treuer Freund sein konnte. War man mit ihm um 12.30 Uhr in Hamburg in der Osteria verabredet, saß er zuverlässig bereits um 12.14 Uhr dort und blätterte in der Speisekarte. Wie er überhaupt nicht nur ein Intellektueller von unglaublicher Präzision, sondern auch ein großer Ermöglicher war: Er stiftete Ehen und brachte Menschen zusammen. Es geht ein zustimmendes Schluchzen durch die Halle, als Katja Scholz sagt: "Ich fühle mich so beschenkt."

Beschenkt hat Roger Willemsen seine Trauergäste am Ende jeden einzeln und buchstäblich: Die vielen Ranunkel-Töpfchen, die er um seinen Sarg herum aufstellen ließ, sind seine Abschiedsgabe. Man möge sich ein Töpfchen mit nach Hause nehmen. Zu den Klängen von Keith Jarretts Blame It On My Youth wird der Sarg nun doch in den Keller gefahren. Da ist nichts zu machen. Draußen warten die Fotografen hektisch auf Katja Riemann und Iris Berben.

Es ist ein regnerischer Hamburger Februartag, an dem die Sonne nicht richtig hervorkommt. Man steht noch ein bisschen zusammen. Allen fehlen die Worte. In der U1 Richtung Hamburger Innenstadt sitzen danach sehr viele traurige, schwarz gekleidete Leute. Jeder mit einem Blumentopf in der Hand.