Zwei ältere Männer sitzen vor dem Fernseher und begutachten eine versunkene Welt: Wie lange die Filmbilder stehen blieben, ohne das ruhelose Gewackel der heutigen Steady-Cams! Und was die Figuren trieben, um nicht allein zu sein. Sie mussten nach Telefonzellen Ausschau halten, wenn sie sich zum Seitensprung verabredeten. Sie besuchten sich zu Hause, statt einander per SMS in die nächste Bar zu bestellen. Sie spielten die Hetzsportart Squash. "Spielt das heute noch jemand?", fragt Ulrich Matthes. Er ist der eine ältere Mann. Der andere bin ich. Auf dem Bildschirm läuft Woody Allens Manhattan. Dies ist ein tiefnostalgisches Projekt.

Wir haben den Schauspieler Ulrich Matthes gebeten, uns den liebsten Film seines Lebens zu zeigen. Über alte Filme zu reden ist eine der schönsten Arten, sich selbst zu begegnen. Man sieht die eigene Existenz, zurückgespiegelt vom Lieblingsfilm: Wie hat er sich, mich, uns in all den Jahren verändert?

Schauplatz ist Ulrich Matthes’ große Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg. Das Abspielgerät: ein Flachbildschirm. Beginn der Vorstellung: 19.30 Uhr. Ich habe eine DVD von Manhattan und ausreichend Rioja mitgebracht; in meiner Begleitung ein junger Fotograf. Strenger Blick des Schauspielers bei der Begrüßung: "Das soll keine Homestory werden."

Natürlich nicht. Deshalb nur ein dezenter Streifblick durch das home, in dem wir uns befinden: hohe Räume, Stuck, Durchgangszimmerlandschaft eines Mannes, der beim Nachdenken herumgeht. Die Wohnung, sagt er, ist sein einziger Luxus – hier lernt er Text, hier beginnt die Verwandlung in die Theaterfiguren, die er spielt: Ödipus, Macbeth, Onkel Wanja, Shylock. Matthes ist ein Meister darin, die Figuren der Dramen mit einer so intensiven Lebenslust zu erfüllen, dass sie im Sturz leuchten.

Der Rioja ist entkorkt und die DVD schon eingelegt. Warum gerade dieser Film?

"Ich möchte mich rühren lassen von Manhattan. Wenn ich ihn sehe, werde ich mich an mich selbst erinnern, den Zwanzigjährigen, der dieses großstädtische Fest der Neurotiker wie ein Versprechen sieht – den Unschuldigen, der alles noch vor sich hat. So wie die ganze Welt scheinbar noch alles vor sich hatte."

Ein Tusch, Gershwins Rhapsody in Blue, New York leuchtet im Jahr 1979 in Schwarz-Weiß, Manhattan beginnt. Die Kamera kniet gleichsam vor Ihrer Majestät, der herrlichen Stadt. "Sie ist", sagt Ulrich Matthes, "die eigentliche Heldin des Films." Abendsonnenglut bricht sich am Fassadengestein, ein Taxi gleitet durch den dunklen Central Park, aus der nächtlichen Tiefe der Upper East Side sprüht ein Feuerwerk: Kein Zweifel, dies ist der Mittelpunkt der Welt. Allmählich wimmeln Menschen ins Bild. Es sind, wie sich herausstellt, ein wenig lächerliche Helden, die keine großen Sorgen haben, nur diese: Wozu und mit wem soll man leben?

Woody Allen, damals 44, spielt den Schriftsteller Isaac, der sich als Gagschreiber für TV-Shows sein Brot verdient. Er ist zweifach geschieden, nun hat er eine Liaison mit der 17-jährigen Tracy (gespielt von der tatsächlich 17-jährigen Mariel Hemingway, einer Enkelin des Schriftstellers Ernest Hemingway). Zusätzliches Problem: Isaacs Ex-Frau (Meryl Streep) zieht ihn in einem autobiografischen Buch durch den Dreck, und er verliebt sich in Mary (Diane Keaton), die Geliebte seines besten Freundes. Kurzum: Der Protagonist ist ein gehetzter, begossener armer Kerl. Hätte er nicht seine Liebe zu New York, es wäre ihm nicht zu helfen.

In Manhattan kreist ein Milieu um sich selbst: Es geht um die Kunst, die man herstellt, um die Moral, die man sich leistet, und selbstverständlich auch um den Sex, den man zelebriert. Isaac bleibt in seinem einsamen Sarkasmus auf Höhe des Diskurses. Als sich das Gespräch um Schwierigkeiten beim Orgasmus dreht, merkt er trocken an: "Selbst mein schlechtester traf genau ins Schwarze."

"Wir haben in unserer Gesellschaft eine Empathiekrise"

Ulrich Matthes sagt: "Sie reden die ganze Zeit, sie reden immer nur! Man kann sie sich fast beim Sex nicht vorstellen – so körperlos, so unschuldig ist diese erotische Komödie. Es schlafen eher die Dialoge miteinander als die Körper." Hat Sie das damals, als Zwanzigjähriger, nicht gestört? "Nein, damals fand man diesen Jargon lustig und erhellend. Inzwischen kennt man den Sound bis zur Parodie. Er begegnet einem auch in den frühen Stücken von Botho Strauß, in der Trilogie des Wiedersehens zum Beispiel."

Vielleicht lassen Sie diese satirischen Elemente heute kalt, weil Sie selbst zum Milieu der arrivierten Kulturschaffenden gehören?

"Na ja", sagt er, "ich bin hier in Berlin kein Teil von irgendeinem Milieu. Ich kreuze ab und zu mal wo auf, aber ich gehöre nicht dazu."

Matthes ist kein Flaneur, er ist ein harter Arbeiter: Er spielt als Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin, dreht Kino- und Fernsehfilme, produziert Hörbücher, ist Schauspieldirektor der Berliner Akademie der Künste. Und er ist in Berlin in den vergangenen Jahren zu einer Art inoffiziellem Staatsschauspieler geworden: Die Kanzlerin und den Außenminister kennt er recht gut, und mit Wolfgang Schäuble tauscht er sich über bühnenästhetische Fragen aus, wenn er ihn bei Opernpremieren trifft. Interessanterweise suchen jene, die Macht haben, die Gegenwart eines Mannes, der Macht auf der Bühne äußerst abgründig verkörpert.

Auf dem Flachbildschirm macht sich Isaac gerade an Mary heran: Identifiziert sich Ulrich Matthes mit der Hauptfigur? "Überhaupt nicht. Ich finde ihn im Grunde geschlechtslos." Man sehe Allens Isaac nicht als Rivalen. "Woody behält ja selbst im Bett die Brille auf."

Allen ist nicht das Vorbild des Zuschauers Ulrich Matthes, wohl aber dessen ferner Begleiter: Man kann sich an seinen Produktionsroutinen festhalten. Er macht jedes Jahr einen Film – im Frühjahr schreibt er, im Sommer dreht er, im Herbst schneidet er, im Winter geht er auf PR-Tour, dann weiß man, jetzt ist es Zeit, den neuen Allen zu sehen. In seinem Werk ist der Lauf des eigenen Lebens aufgehoben; man altert mit ihm. Und zugleich bleibt man im Schutz seiner Filme seltsam jung; es gibt einen unverwüstlichen Kern in allem, was dieser untröstliche, lustige Schmerzensmann produziert.

"Seit Manhattan", sagt Ulrich Matthes, "verkörpert er immer denselben Grundtypus. Mein Herz hängt an ihm – weil er es so lustig macht. Er macht sich über alles auf eine zärtliche Weise lustig: über sein Judentum, seine Mutter und sogar – was ich sonst für ein Tabu halte – über den Holocaust. Alles wird dem Witz preisgegeben und ist doch zutiefst rührend – diese subkutane Schicht von Melancholie."

Rührung ist ein Schlüsselbegriff, wenn man mit Ulrich Matthes über Kunst spricht. Also hält er den Film kurz an, und ich frage: Welches sind die großen Rührungsmomente im Kino, die ihm spontan einfallen? "E.T. – Der Außerirdische, eine ganz alte Erinnerung! Wenn E.T. und der kleine Junge auf dem Fahrrad sich in die Lüfte erheben – die Rührung darüber, dass das Menschenkind und der Außerirdische nun Freunde sind. Ein modernes Brüder-Grimm-Märchen. Ganz wichtig auch: die Musik von John Williams! Oder der Schluss von Vom Winde verweht. Dieser Satz: 'Morgen ist auch noch ein Tag ...' – da kommen mir sofort und jedes Mal die Tränen."

Ist es ihm nicht peinlich, so offen von seiner Rührbarkeit zu sprechen? Dort, wo Matthes künstlerisch zu Hause ist, im deutschen Sprechtheater, gilt derlei als verlogene Seelenregung. Matthes: "Ich glaube, wir haben in unserer Gesellschaft eine Empathiekrise. Auch im Theater wird einem die Möglichkeit, sich rühren zu lassen, konsequent vorenthalten, durch Ironie, durch die berühmten dekonstruktivistischen Brüche. Das alles sind Indizien dafür, dass die Leute die Empathie ein bisschen verlernt haben – das erklärt auch die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Internet."

Wer Matthes jetzt für eine trübe Edeltasse hält, täuscht sich. Dies ist ein hochimpulsiver, leidenschaftlicher Zeitgenosse, der das Schwärmen liebt – über Pointen, Melodien, Geistesblitze. Alles, was auf intelligente Weise das Vorhersehbare unterbricht, findet seinen Beifall. Mit ihm einen Film zu sehen ist ein großes Vergnügen – in manche Szenen lehnt er sich, gestikulierend, mitsprechend, mitsummend, förmlich hinein, so wie ein Opernfreund mit dem ganzen Körper den Fluss einer Partitur begleitet. Und am meisten liebt er es zu lachen. Zu seinen Hausheiligen gehört Leslie Nielsen, ein Komiker, der in der Rolle des Inspector Frank Drebin als eine der großen Knallschoten in die Geschichte des Lachkinos eingegangen ist. "Drebin ist one of my heroes", sagt Matthes. Die nackte Kanone, Teil I bis III, komme für ihn kurz hinter den Shakespeare-Tragödien.

"Ein wunderbarer Filmmoment"

Während wir Manhattan weiterlaufen lassen, fragen wir uns: Was wurde aus Mariel Hemingway, der Hauptdarstellerin? "Dieses Madonnengesicht! Dieses kaschubische flächige Gesicht, in das man alles hineinprojizieren kann!", ruft Ulrich Matthes. "Wieso ist diese Mariel Hemingway keine weltberühmte Schauspielerin geworden?"

Als der Film darauf zusteuert, dass Isaac, wie ein konfuser Jongleur, alles verliert, womit er spielt – die junge und die ältere Geliebte –, erzählt Matthes, wann er zum ersten Mal das reale Manhattan gesehen hat. "Kurz nachdem Allens Film herauskam. Es war eine gefährliche Stadt, man hatte Angst, irgendeiner Räuberbande in die Arme zu laufen. Und so geschah es mir auch: Ich wurde überfallen. Aber die Räuber gaben mir meine Uhr zurück, als ich ihnen todesmutig vorschwindelte, dass ich so sehr an ihr hänge, weil ich sie von meinem Opa bekommen hätte; nur das Geld haben sie behalten."

Das versunkene Manhattan! Im Vergleich zu den Bedrohungen von heute wirkt so ein Überfall fast harmlos. "Heute bin ich froh, wenn ich im Flughafen durch die Sicherheitsschleusen bin – ich fühl mich dann wirklich sicherer, wie ein Entkommener", sagt Ulrich Matthes. "Ich durchquere auch den Hauptbahnhof mit schnelleren Schritten als früher. Dabei halte ich mich überhaupt nicht für paranoid. Der Terrorismus heute ist eine so andere Sache als das Verbrechen, vor dem man sich früher fürchtete."

Und Manhattan, mit dem Wissen von heute gesehen? "Jetzt ist die Unschuld dahin. Die Twin Towers sind im Film, wenn ich mich nicht irre, kein einziges Mal zu sehen, und doch denkt man, wenn man einen New-York-Film sieht, auch an den 11. September 2001."

Ist Ulrich Matthes dem großen Selbstdarsteller Woody Allen je begegnet? Matthes nickt. "Als ich das erste Mal in New York war, stand er mit Mia Farrow an der Kreuzung plötzlich neben mir. Ich hab ihn sofort fotografiert, woraufhin er mit Mia im Schlepptau bei Rot über die Kreuzung rannte. Das Dia liegt irgendwo bei mir im Keller."

Es naht die größte Szene von Manhattan. Isaac liegt auf dem Sofa und fragt sich, ob sich das Dasein überhaupt lohne. Er findet keinen alles überwölbenden Lebenssinn, dafür aber viele kleine Gründe: Groucho Marx, Louis Armstrongs Aufnahme des Potato Head Blues, schwedische Filme, die Äpfel und Birnen von Cézanne. Und das Gesicht seiner jungen Geliebten, Tracy. Oft sind es ja Suizidkandidaten, die solche Listen der wichtigsten Dinge, Wesen, Augenblicke aufstellen. Der Schluss von Manhattan ist, so gesehen, wie der Nichtangriffspakt eines traurigen Mannes mit sich selbst: Er wird sich nichts antun. Wie es einen Bilanzselbstmord gibt, gibt es sein Gegenteil: die wägende Lebensbejahung, das Bilanz-Ja. Matthes sieht die Szene und sagt: "Ein wunderbarer Filmmoment, jetzt kommen mir tatsächlich die Tränen!"

Wir kennen Woody Allens Liste der notwendigen Kunstwerke. Was steht auf Ihrer, Herr Matthes? Stille. Seine Liste füllt sich langsam, unterbrochen von Rioja-Schlucken: "Die Klavierkonzerte von Mozart ... die Goldberg-Variationen ... Die schöne Müllerin ... Cole Porter, Gershwin ... und ein Selbstporträt von Rembrandt – oder ein Vermeer."

Noch einmal greift Matthes zur Fernbedienung: Finale! Isaac weiß endlich, dass er Tracy liebt. Er muss sie aufhalten, sie will nach London abreisen. "Diese Szene", sagt Matthes, "ist wunderbar: Woody rennt eine lange Strecke. Als er Tracys Haus erreicht, steht sie in der Lobby und bürstet sich das Haar. Und wie sie das macht! Meisterhaft gespielt und gedreht. Für die letzte Szene lohnt sich der ganze Film! In ihr kehren sich die Verhältnisse um: Das junge Mädchen muss den reifen Mann trösten. Sie sagt dem Erwachsenen: Ich komme ja wieder. Hab ein bisschen Vertrauen in die Menschen! Und dann Woodys trauriger, offener Blick, ein Tusch von Gershwin – und aus! Großartig."

Wie es sich für echte Kinogänger gehört, sehen wir den Abspann mit Ehrfurcht. All die Namen, die seltsamen Berufe. Was zum Teufel ist ein Gaffer? "Das ist", sagt Ulrich Matthes, "der oberste Beleuchter." Er wisse das. Er sei doch selbst beim Film.

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