Was die innere Mitte eines Landes ausmacht, das wird auch an seinen Rändern entschieden. In Kegelkellern, Wirtshäusern, Vereinsheimen. Und sogar im Wald. So ist es von Bedeutung, dass an diesem Wintermorgen in Oberbayern, südlich der Gemeinde Dietramszell, ein Baum fällt. Über Nacht hat es geschneit, unter einem fahlen Himmel taut und tropft der Wald, klatscht nasser Schnee von Ästen. Zu hören ist davon nichts, denn mitten in der Winterlandschaft dröhnt und dampft ein riesiges Maschinenwesen, beißt sich durch den Wald wie ein hungriges Insekt. Mit Zangenarmen, Sägen, Walzen und Entastungsmessern ausgerüstet, nimmt es den gefallenen Baum in den Griff: eine Fichte, vielleicht 90 Jahre alt. Schnee spritzt, Rinde platzt, Späne fliegen. Sekunden später liegt der Stamm zerteilt am Boden, lastwagenkompatibel zugeschnitten, fachgerecht zerlegt wie eine Schweinehälfte. Das Maschinenwesen – in der nichts beschönigenden Fachsprache der Forstwirtschaft Harvester, Erntegerät, genannt – schnauft kurz hydraulisch durch. Und wendet sich dem nächsten Baum zu.

Einige Meter abseits steht reglos ein Mann, rank und aufrecht, die Hände in den Hosentaschen, als sehe er einem öden Dorfkick zu. Stiefel und Jeans, Steppjacke und Filzhut, weißes Haar und wache Augen. Florian von Schilcher, Jahrgang 1944, bayerischer Adeliger und Waldbesitzer in sechster Generation, sieht an diesem Morgen Bäume fallen, die sein Großvater Hubert pflanzte.

Wehmut?

"Ah, Schmarrn! Bäume wachsen, um geschlagen zu werden", sagt Schilcher. "Wehmut ist da nur, wenn sich’s um besonders prächtige Exemplare handelt."

An dieser Stelle ist es wichtig, ihn wirklich reden zu hören, weil er nicht das eifernde Angriffsbayerisch junger CSU-Generalsekretäre spricht, wie seine Sätze vielleicht vermuten lassen, sondern den behaglichen Biergartendialekt gesetzter Generationen: Es ist, wie es ist. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Aus dem Wipfel der Fichte, die zwei Weltkriege überlebte, werden jetzt eben Holzpellets für die Energiewende in Deutschland. Und aus dem Stamm wird womöglich ein Dachstuhl in Syrien, "falls da je wieder Frieden einkehrt". Schilcher wird es nie erfahren, will es auch nicht wissen, ihm genügt, zu sehen, dass dort, wo eben noch der alte Baum stand, nun Licht und Luft ist, damit die nächste Fichte "Gas geben" kann. In einigen Jahrzehnten werden seine Söhne oder Enkel sie fällen.

So einfach ist das.

Es ist dasselbe Jahr, derselbe Winter, dasselbe Land, nur ein anderer deutscher Rand und ein anderer Wald, in dem ein hochgewachsener Mann in olivgrüner Förstermontur über Laub und Zweige stakst. Kein Laut ist zu hören, nur hin und wieder knackt ein Ast im Gemeindeforst des Eifeldorfes Hümmel, Rheinland-Pfalz. Der Mann im Wald trägt eine schwarz gerahmte Brille und Dreitagebart, man könnte ihn für einen Therapeuten aus der Großstadt halten. Plötzlich geht er in die Hocke, so tief, bis er genau so auf dem Boden kniet wie einst die Frau, die auf der 50-Pfennig-Münze eine Eiche pflanzte. Er wischt altes Laub beiseite, Moos und Moder.

"Sehen Sie das?", fragt er.

Im Boden klemmt ein schrundiges Etwas. Knorrig, dunkel, tot.

"Kratzen Sie mal", sagt er. "Aber vorsichtig."

Unter dem Dunkel wird es hell. Da ist Holz. Leben.

Vor einigen Jahren war es Peter Wohlleben selbst, der – neugierig und ratlos – mit seinem Taschenmesser an diesem dunklen Klumpen schabte. Ein uralter Baumstumpf, Rest einer Buche. Wie konnte die noch leben, ohne Stamm, ohne Blätter, ohne Fotosynthese? Mit Biologen der nahen Aachener Hochschule sah sich Wohlleben das Wesen im Wald genauer an. Offenbar pumpten die umstehenden Bäume dem verkrüppelten Artgenossen seit 400 Jahren Zuckerlösung zu, über ihre Wurzeln. "Das nenne ich Nachbarschaftshilfe", sagt Wohlleben. Er spricht ein sanftes, weiches Rheinisch, das aber so pointiert, dass seinen Sätzen anzuhören ist: Er sagt sie nicht zum ersten Mal.

Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, Sohn eines Bonner Ministerialbeamten und Förster der Gemeinde Hümmel, hat in jüngster Zeit einen Ruhm erlangt, dass man ihn kaum noch vorstellen muss. In seinem abgelegenen Forsthaus hat er ein Buch geschrieben, das die Deutschen mitten ins Herz trifft. Das geheime Leben der Bäume war 2015 Jahressieger auf der Spiegel- Bestsellerliste für Sachbücher. Botschaft: Bäume sind nicht nur Waren, sondern auch Wesen. Sie füttern sich gegenseitig. Sie warnen sich über Pilznetzwerke vor Störenfrieden. Sie unterhalten "Sozialhilfesysteme". Sie sind "alte Freunde". Auch des Menschen.

Mittlerweile haben 400.000 Deutsche das Buch gekauft, Wohlleben saß bei Menschen 2015 und bei Markus Lanz; der stern, die Bild am Sonntag und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung sind ihm in den Wald gefolgt. In Zeiten von Terrorangst und Flüchtlingskrise hat ein Buch über Bäume einen Förster aus der Eifel in den Rang einer nationalen moralischen Instanz erhoben. Vorbei an allen Richard David Prechts, Jürgen Todenhöfers, Helmut Schmidts. Wohlleben gibt Radiointerviews, hält Lesungen und führt Naturfreunde durch seinen Forst.

Da kann Florian von Schilcher in Dietramszell vor "Behaglichkeitslektüre" und einer "neuen Romantisierung" des Waldes warnen, in seinem Wald-und-Wild-Blog im Internet über "Traumtänzer" schimpfen – Peter Wohlleben in Hümmel bekommt unablässig Einladungen zu Gesprächsrunden, Anfragen für Seminare. Und Liebesbriefe alleinstehender Frauen, die sein Buch unterm – ja: Weihnachtsbaum gelesen haben.

So kompliziert ist das.

Florian von Schilcher in 83623 Dietramszell, Landkreis Bad Tölz, und Peter Wohlleben in 53520 Hümmel, Landkreis Ahrweiler: Die beiden Männer trennen fast fünfhundert Kilometer Luftlinie und zwanzig Jahre Altersunterschied. Sie sind sich nie begegnet. Ihre Konfrontation kommt nur durch ein journalistisches Konstrukt zustande, die Recherche zu dieser Reportage. Schilcher will mit seinen 250 Hektar Familienforst viel Geld verdienen. Wohlleben möchte viel von seinen 750 Hektar Gemeindewald erhalten. Es wäre leicht, die beiden mit dieser Meinungsverschiedenheit allein zu lassen – hätten die Deutschen ihre Liebe zum Wald nicht ausgerechnet in einer Zeit entdeckt, in der sie besonders viele Bäume für sich fällen lassen.

In Deutschland wird mehr Holz verbrannt als verbaut

Fast jeder wird das von sich kennen: Wer Holz kauft, fühlt sich wohl, ob es um Spielzeug, Möbel oder Terrassendielen geht. Denn Holz ist lieb. Holz hat recht. Holz ist der Friedensnobelpreisträger unter den Baumaterialien. Sogar in Süddeutschland werden skandinavische Häuser errichtet. Wer Holz kauft, ist ein guter Mensch. Dass dafür Bäume fallen, vergisst man leicht.

Forscher der Universität Hamburg schätzen den "Waldholzverbrauch" der Deutschen auf 1,06 Kubikmeter pro Kopf und Jahr. Die Nachfrage privater Haushalte hat sich zwischen 1990 und 2010 verdoppelt. Holz wärmt, auch wenn es nicht brennt. Brennt es doch, wärmt es umso mehr: Heizen mit Holz gilt als heimelig und effektiv zugleich. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Zahl der Pellet-Öfen vervierfacht. Erstmals seit über hundert Jahren wird in Deutschland wieder mehr Holz verbrannt als verbaut.

Manchmal ist Fortschritt nicht ohne Rückschritt zu haben.

Gut möglich, dass Leser in Wohllebens Buch schmökern, während in ihren Kaminen Schilchers Holz verglüht. Ein Widerspruch, so riesig, dass dazwischen Raum ist für Weltanschauungsdebatten. Schilcher meint: Nur mit schnell wachsenden Bäumen, ohne Rücksicht auf irgendeine Wesenhaftigkeit geerntet, lässt sich der Holzhunger im Land befriedigen. Wohlleben findet: Genau so gestrig reden Tiermäster in Fleischfabriken. Schilcher fragt dann: Was bleibt an Lebensfreude, wenn wir alles vegetarisieren? Wohllebens Antwort: Bislang hat’s nicht geschadet.

Die Debatte, diesen Artikel, den Bestseller; nichts davon würde es geben, hätte Peter Wohlleben ein Buch über das geheime Leben der Zuckerrüben geschrieben. Oder über unseren alten Freund, den Weizen. Aber der Wald? Ist für die Deutschen mehr als eine Ansammlung von Bäumen. In ihm wurzelt nationale Identität, er ist Natur- und Kulturgut, die germanische Seelenlandschaft, aus der sich Märchen und Mythen speisen.

Im Wald überlistete Hermann der Cherusker die Römer. Im Wald badete Siegfried in Drachenblut. Im Wald, da sind die Räuber. Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald. Der Wald steht schwarz und schweiget. Joseph von Eichendorff nannte den Wald "Hallraum der Seele", Caspar David Friedrich malte Baum um Baum. Waldgemälde, Waldlyrik, Waldbildbände füllen Museen und Bibliotheken. Der Wald ist so deutsch wie Bier und Brot.

Sind die Zeiten historisch heikel, ziehen sich die Deutschen in den Wald zurück – wie Wild, auf das geschossen wird. Entschleunigung und Eskapismus, jedenfalls mental. Ein totes Flüchtlingskind am Strand? Putins Strategiespiele mit Syrien? Die Grabscher von der Kölner Domplatte? Im Wald, wo es kein Fernsehen gibt, dafür Funklöcher, kann man Nachrichten noch entkommen. Wald ist Wellness. Weltenflucht, wie einst in der Romantik.

Sogar die Sprache prägt der Wald bis heute, ob nun etwas "astrein" ist und jemand ein "Hinterwäldler" oder "Flachwurzler". Hätten die Urahnen für ihre ersten Siedlungen nicht Bäume roden müssen, Lichtungen schaffen, gäbe es kein Harlingerode und kein Hohenroda, kein Eichstätt und kein Finsterwalde.

Es ist kein Waldromantiker zu sehen, als an einem nasskalten Morgen in Schilchers Forst die Kettensägen aufheulen. Mögen im Herbst die Spaziergänger kommen, im Winter wird im Wald gearbeitet, gelichtet und geholzt. Dann füllt sich der Hallraum der Seele mit Motorenlärm. Wie viele Branchen vergibt auch die Forstwirtschaft längst Aufträge an Fremdfirmen, die Knochenjobs dann von Saisonarbeitern erledigen lassen.

So sieht Florian von Schilcher zwei schweigsamen Rumänen namens Vlad und Vasile dabei zu, wie sie sich durchs Unterholz arbeiten. Was laut Auftrag "Jungbestandspflege" heißt, erinnert an Nahkämpfe in Dschungelkriegen: Vlad und Vasile schwingen ihre Kettensägen wie Sylvester Stallone sein Maschinengewehr in Rambo. Sie haben den Auftrag, junge Buchen wegzuschneiden und "so das Wachstum auf andere Bäume zu lenken", sagt Schilcher. Und zwar auf möglichst viele Fichten. Am Ende, sagt Schilcher, wolle er einen "hiebreifen Bestand" von 200 bis 300 Stämmen pro Hektar haben. Sein Wald wächst aus einem unsichtbaren Raster. Er ist gestaltet nach den Gesetzen der Verwertbarkeit. Zu viele Buchen würden da stören.

Warum das?

"Die Buche ist vom ersten bis zum letzten Moment ihres Lebens ein Ärgernis", sagt Schilcher. Sie wächst zu langsam. Ihr Laub nimmt anderen Bäumen zu viel Licht weg. Ihr Stamm teilt sich zu früh in eine breite Krone, die sich kaum verwerten lässt. "Und wenn eine Buche umfällt, schlägt sie ein wie eine Bombe. Da ist auf Jahre hinaus Tabula rasa."

Der Stellvertreterstreit zwischen Wohlleben und Schilcher, er entzündet sich schon an diesem Detail, das für beide kein Detail ist. Denn die Buche ist der deutscheste aller deutschen Bäume, mehr noch als die Eiche.

Warum nicht wachsen lassen, was heimisch ist?

Wann immer Peter Wohlleben eine Exkursion durch seinen Wald führt, zu seinem bestsellerbekannten Baumstumpf und tief in einen 4.000 Jahre alten Buchenhain, hoch und schön wie eine Kathedrale, dann sagt er: "So sah es früher fast überall im Land aus." Bevor Köhler, Bergleute und Schiffsbauer im 17. Jahrhundert Europa weitgehend abgeholzt hatten, war das, was heute Deutschland heißt, größtenteils von Buchenwald bedeckt. Bis heute rätseln Sprachforscher, ob die Wörter "Buch" und "Buchstabe" daher rühren, dass die Germanen ihre Runen ins harte Holz der Buche ritzten.

Der Buchenfreund wird als "Pflanzenfascho" beschimpft

Wohlleben fragt sich: Warum nicht wachsen lassen, was heimisch ist? Die Fichte ist eine Importpflanze, nach jener selbst gemachten großen Holznot aus Sibirien, den Alpen und den Hochlagen der Mittelgebirge herbeigeschafft. Wohlleben nennt sie einen "Baum für Faule". Fichten wachsen nicht zum Licht, sondern kerzengerade gegen die Erdanziehungskraft, schnell und passgenau ins Sägewerk hinein. Trotzdem, findet Wohlleben, täuschten sie Wirtschaftlichkeit nur vor: In heißen Sommern würden sie von Käfern zerfressen. Und komme ein Sturm, kippten sie um. Flachwurzler eben. Die Buche dagegen? Wurzle tief und öffne ihre Krone wie einen Fächer, um jeden Tropfen Regen einzufangen. "Welcher Baum wird die Erderwärmung wohl besser verkraften?"

Trägt man dieses Argument zu Schilcher, sagt der: Schon komisch, dass sich ausgerechnet ein Öko-Autor gegen die Idee der Nachhaltigkeit ausspreche. Hans Carl von Carlowitz, adlig wie Schilcher, hatte 1713 in einem Manifest namens Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht erstmals postuliert, dass stets so viel Holz nachwachsen muss, wie geschlagen wird. Je schneller gefällt werde, desto schneller müsse also nachwachsen. "Daran halte ich mich", sagt Schilcher. Im Übrigen habe er sein Leben damit verbracht, einen Mischwald zu pflegen: 70 Prozent Nadelholz, gestützt von 30 Prozent Laubbäumen – als "Beimischung". Wenn jemand eine Monokultur wolle, dann doch dieser Buch- und Buchenautor aus der Eifel. Es gibt Menschen, die Wohlleben aus dem Versteck der Anonymität heraus einen "Baumrassisten" und "Pflanzenfascho" nennen, der nichts als die Buche gelten lasse.

Läuft man zurück zu Wohlleben, sagt der, dass er Mischwäldern tatsächlich misstraue. Was aussehe wie der Wille der Natur, seien "Baumäcker", gepflanzt nach dem Bedarf der Märkte.

Es ist paradox: Je tiefer man sich in den Wald hineinbegibt, desto weniger Mythos findet sich dort. Stattdessen Streit um Fachbegriffe wie "Altbestockung", "Derbholz" oder "Vorratsfestmeter". Wer Schilchers und Wohllebens Argumenten wie Pfaden folgt, steht bald in einem Dickicht sich widersprechender Aussagen.

Wenig überraschend, ist in Deutschland sogar der Wald vermessen. Eine "Bundeswaldinventur" des Landwirtschaftsministeriums hat ergeben: Ein Drittel der Fläche Deutschlands ist bewaldet, am dichtesten Hessen und Rheinland-Pfalz, am lichtesten Schleswig-Holstein. Ein Viertel der Waldfläche nehmen Fichten ein, gefolgt von Kiefern, dann kommt die Buche. Fast die Hälfte des Waldes gehört Privatleuten wie Schilcher. Nur zwei Prozent sind "ungenutzt". Ein deutscher Baum ist im Durchschnitt 77 Jahre alt. Und in den vergangenen zehn Jahren hat der Wald um 0,4 Prozentpunkte an Fläche gewonnen.

Für Florian von Schilcher in Dietramszell der Beleg, dass alles gut ist.

"Na ja", sagt Peter Wohlleben in der Eifel: "Dafür müsste man die genaue Definition von Wald kennen."

So geht es hin und her. Nicht nur zwischen Wohlleben und Schilcher. Sondern auch zwischen dem Bundesamt für Naturschutz, das mehr "natürliche Waldentwicklung" möchte, und dem Deutschen Energieholz- und Pellet-Verband, der schnell viel frisches Holz braucht. Die Initiative Furnier + Natur ist wiederum eher auf dicke Stämme aus. Dann gibt es noch den Bundesverband Deutscher Fertigbau, den Verband der Deutschen Parkettindustrie, den Verband der Deutschen Zulieferindustrie für das Bestattungsgewerbe und immer so weiter.

Längst ist der Holzmarkt globalisiert. Die Chinesen forsten auf, um dem Exportweltmeister Russland Konkurrenz zu machen. Die Brasilianer roden ihren Urwald. Skandinavien versorgt die Welt mit Papier. Frachter fahren Stämme, Späne, Sägemehl über die Ozeane, täglich steigen oder fallen die Preise. Die deutsche Holzwirtschaft, heute "Cluster Forst & Holz" genannt, macht 180 Milliarden Euro Umsatz jährlich und beschäftigt eine Million Menschen; allerdings haben die Lobbyisten da nicht nur Holzfäller und Möbelschreiner mitgezählt, sondern auch Angestellte im Papier- und Druckereigewerbe. Fast jeder Unterverband hält sich ein scheinobjektives Forschungsinstitut oder sponsert gleich eine Hochschule, weshalb jede Zahl, die nicht die eigene ist, angezweifelt wird.

Sind Bäume die neuen Wale?

Nicht mal in der Bundesregierung ist man sich grün. Das SPD-geführte Umweltministerium möchte bis 2020 zehn Prozent aller öffentlichen Wälder "stilllegen", zu Urwald machen. Im Sauerland, im Taunus, im Schwarzwald, in allen Mittelgebirgen sind die Bürgermeister nervös. Sie müssten Urwälder für Touristen sperren. Vor allem würden Einnahmen fehlen. Lebende Bäume sind totes Kapital.

Im CSU-geführten Landwirtschaftsministerium nennt ein hoher Beamter Urwälder spitz "Waldruinen". Wenn die Republik "ins Zeitalter der Dekarbonisierung" wolle, sich unabhängig machen von dreckiger Kohle, Putins Gas und dem Öl der Saudis, denn gelinge das nur mit Sonne, Wasser, Wind – und Holz.

Steht man schließlich mittendrin im Widerstreit der Interessen, fällt auf: So laut und groß der Zoff auch ist, bislang diskutierten alle nur darüber, mit welchem Waldmix der Menschheit am meisten geholfen ist – so, wie sich Köche inbrünstig über eine optimale Rezeptur austauschen. Jetzt aber erobert dieser Eifelförster Leserherzen und -hirne mit der Behauptung, die Bäume selbst seien von Belang, hätten ein Gedächtnis und Gefühle.

Sind Bäume die neuen Wale? Bedrohte, intelligente, edle Wesen, vom Menschen unterschätzt und abgeschlachtet? Werden wir bald mit Buchen kuscheln wie mit Delfinen?

Es gibt Seminare für Baum-Umarmung. Und, ja: Bei einem Waldspaziergang sinkt der Blutdruck. Mehrere Forscher haben nachgewiesen, dass sogar die Zahl der Antikrebszellen im Körper steigt. Unklar ist noch, warum. Vermutlich wegen sogenannter Phytonzide – gasförmiger Substanzen, die Bäume zur Abwehr von Schädlingen absondern. In Japan verschreiben Ärzte gestressten Menschen schon "Waldbäder".

Es ist ein nebliger, nasskalter Tag, an dem Peter Wohlleben mal wieder eine Besuchergruppe durch seinen Wald führt. Auffällig viele Paare. Männer und Frauen in festen Schuhen und bunter Outdoorkleidung, teure Marken, große Labels: Fjällräven, Schöffel, The North Face. Sie haben Feldstecher und Fotoapparate dabei, Thermoskannen, Wander- und Walkingstöcke. Die Ausrüstung von Städtern, die sich aufs Land begeben. Zärtlich streicht Wohlleben mit der Hand über junge Buchentriebe, wie eine Mutter im Vorbeigehen über die Köpfe ihrer Kinder. "Es ist doch schade", sagt er, "dass nahezu jeder Baum in Deutschland vor seinem natürlichen Tod gefällt wird."

Nicken im Gefolge.

Dass seine Gäste in teils beeindruckend großen Autos in die Eifel gekommen sind, spricht Wohlleben nicht an. Wie viel Holz sie verbrauchen, fragt er nicht. Dass er findet, jedes Möbelstück müsste einen Herkunftsstempel tragen wie ein Ei, behält er für sich. Man kann Wohlleben stundenlang über Stock und Stein folgen, konsequent verkneift er sich jede Publikumsbeschimpfung, eloquent führt er die Besucher seines Waldes von Wunder zu Wunder wie die Leser seines Buches von Anekdote zu Anekdote. Im Geheimen Leben der Bäume schreibt Wohlleben, "ganze Wälder" seien über ein "Wood Wide Web" vernetzt: Nage irgendein Schädling an einem Baum herum, pumpe der sofort bittere Gerbstoffe in Rinde und Blätter und warne so die umstehenden Artgenossen. Eben weil Bäume nicht fliehen könnten, hielten sie sich mit Kommunikation und "Freundschaft" stark. "Bucheneltern" verschatteten den Boden und erzögen ihre Kinder beim Wachstum zu Geduld. Wo man sie sich selbst überlasse, wüchsen Buchen eng beieinander: "Gruppenkuscheln ist erwünscht." Wohlleben schreibt, dass "Bäume Schmerz empfinden und ein Gedächtnis haben". Und dass sie vor Durst "schreien".

Tatsächlich haben Schweizer Forscher per Ultraschallmessung herausgefunden, dass in einem Baumstamm Schwingungen entstehen, wenn der Wasserstrom zwischen Wurzeln und Blättern abreißt. "Dies ist ein rein mechanischer Vorgang und hat wahrscheinlich keine Bedeutung", schreibt Wohlleben, gefolgt von einem: "Oder doch?" Vielleicht seien die "Durstschreie" auch "eine dringende Warnung an die Kollegen, dass das Wasser zur Neige geht".

Der Holzhunger der Welt

Florian von Schilcher findet: "Der schreibt schon nett, das muss ich ihm lassen. Aber Kinder und Eltern? Totaler Zinnober. Damit verkauft er die Leute für dumm."

Eine Umfrage unter Wissenschaftlern ergibt: zunächst nichts. Kaum ein Forscher hat Wohllebens Buch gelesen. Weil es unstrittig ist? Nichts Neues bietet? Oder Quatsch?

Der Bestseller sei "anschaulich" und "schöne Unterwegs-Lektüre", sagt Andreas Roloff, Professor für Forstbotanik in Dresden, dazu jahrelang Chef des Kuratoriums Baum des Jahres. Allerdings sei manche Behauptung "aus fachlicher Sicht nicht nachvollziehbar". Christian Ammer, Professor für Waldbau und Waldökologie in Göttingen, mailt an die ZEIT: "Das Buch erzählt mehr über die Leser als über Bäume. Was den wissenschaftlichen Gehalt angeht, kann man – vorsichtig ausgedrückt – bei manchen Passagen nur den Kopf schütteln."

Auf Amazon findet sich unter 123 meist schwärmerischen Kundenrezensionen der wütende Satz, Das geheime Leben der Bäume sei "völlig anthropozentrisch", vermenschlichend also wie Märchen und Fabeln, in denen Tieren Charakterzüge wie Klugheit, List oder Fleiß zugeschrieben werden.

Ist das Sachbuch der Stunde nun ver- oder aufklärend?

Wohlleben findet, sein Stil sei "leicht verständlich und emotional. Der Mensch funktioniert zu mindestens 90 Prozent über Emotionen und Instinkte. Wenn ich das aus der Sprache rauslasse, liest’s keiner mehr."

Wo immer Wohlleben auftritt, stets bewahrt er die Ruhe desjenigen, der sich im Recht sieht und eine Mehrheit hinter sich wähnt. Nicht er verkaufe die Menschen für dumm, sagt Wohlleben, sondern die Holzindustrie, ein konservatives Kartell der Schweiger und Schönfärber. Jeder Deutsche kenne bis aufs Komma den Spritverbrauch seines Autos und den Strombedarf seines Haushalts. Wie viele Kubikmeter des ureigenen Rohstoffs Holz er jährlich benötige, wisse niemand. Warum nicht?

Hier entfernt sich die Geschichte kurz aus der Welt, die Wohlleben auf 224 Seiten zwischen holzähnlich gemaserten Buchdeckeln beschreibt, führt auch weg von Florian von Schilcher in Dietramszell und springt über den Nordkamm der Alpen nach Österreich.

So wie Saudi-Arabien reich ist an Öl, sind die Alpenländer reich an Holz. Im Inntal, zwischen Imst und Kufstein, reiht sich Sägewerk an Sägewerk, in einem Örtchen namens Kundl dampft eine riesige Holzfabrik der Pfeifer Group, Firmenfarbe Grün, Firmenclaim Passion for Timber, Leidenschaft für Holz. Das Werk ist unmöglich zu verfehlen: immer den Lastwagen folgen, die schwer beladen über die Inntal-Autobahn kriechen, dann die Abfahrt Wörgl West und über die Tiroler Straße bis zu einer Schranke, hinter der es unter Flutlicht gewittrig donnert. Warnleuchten blitzen schwefelgelb.

Der Holzhunger der Welt, von dem Florian von Schilcher sprach und den Peter Wohlleben fürchtet, hier ist er zu besichtigen. Jahr für Jahr bekommt Pfeifer drei Millionen "Festmeter" Fichte und Kiefer angeliefert. Bildlich: 60.000 Kilometer Baumstamm, eineinhalbmal der Äquator. Am Werkstor werden Lastwagenfahrer mit Hinweisen auf Deutsch, Englisch, Bulgarisch, Rumänisch, Mazedonisch, Italienisch, Schwedisch, Kroatisch, Slowakisch, Polnisch und Rumänisch eingewiesen. Dahinter öffnet sich eine Welt, die an Containerterminals in Hamburg und Hongkong erinnert: Ein Raster haushoher Holzstapel, durch endlose Gassen surren riesige Gabelstapler, stoisch gesteuert von Männern, die bei Wetten, dass..? jede Baggerwette gewonnen hätten.

Im Hellen, im Dunklen, sieben Tage pro Woche, von fünf bis 21 Uhr, ziehen Förderbänder rasselnd Stämme ins Werk, hin und wieder auch welche aus Schilchers Wald. Die Fichte, das Mastschwein unter den Bäumen, kreiselt durch Metalldetektoren, die sie nach Granatsplittern aus dem Zweiten Weltkrieg durchröntgen. In diesem Gewerbe kommen Zeitenwenden etwas später an.

Umso schneller rotieren die Sägen. 50 Sekunden nachdem ein Stamm in der "Profilierlinie" verschwunden ist, kommt er 100 Meter weiter hinten wieder heraus, filetiert zu Hackschnitzeln, Latten, Lamellen. Für Technikfreunde ist das Werk ein Traum, hier ist die perfekte Verwurstung des Waldes zu besichtigen.

Nach jedem Erdbeben steigt sofort der Preis für Bauholz

Pfeifer ist drittgrößter Pellet-Hersteller in Europa und Marktführer auf dem nur Logistik-Liebhabern bekannten Feld der sogenannten Palettenklötze: Allein deutsche Unternehmen brauchen jährlich 100 Millionen neue Europaletten, um ihre Waren in die Welt zu verkaufen. Die Firma liefert alles, von Biomasse bis Brettschichtholz. Wann immer ein Erdbeben eine Stadt zerstört oder ein Friedensvertrag unterzeichnet wird, steigt prompt die Nachfrage nach Bauholz. Derzeit kaufen die Katarer wie wild Schalungsträger für Betonarbeiten. Sie gießen momentan ihre Stadien für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022.

Die Angst vor dem Waldsterben

Für Wohllebens Wesenhaftigkeit der Bäume hat im Inntal niemand Zeit. Im Iran steht ein Bauboom bevor, auch den Indern geht es immer besser. Und in Deutschland halte "die Renaissance des Holzbaus" an, sagt der Firmensprecher. Die Konzernbosse, zwei Cousins, bleiben beim Werksbesuch so unsichtbar wie Ölscheichs.

Die Welt der Säger ist ein Hort des Konservatismus und der Selbstgewissheit, eine Parallelgesellschaft, in der Revolutionen undenkbar sind – und zugleich wahrscheinlich. Längst forschen Hochschulen nach Alternativen zum Waldfraß, eine Thüringer Firma namens Pollmeier meldet, sie habe ein Sägewerk gebaut, in dem sich Buchen genauso gut verarbeiten ließen wie Fichten. Deutschlands ureigenster nachwachsender Rohstoff, endlich verwertbar: Das wäre fast so bahnbrechend wie ein sich selbst ladendes Elektroauto.

Aber wenn die Buche die nächste Fichte würde – wäre das wirklich eine gute Nachricht?

"Ich weiß nicht", sagt Peter Wohlleben. Draußen vor seinem Haus, an einem Fahnenmast, schlappt eine schwedische Flagge. Vorigen Sommer ist er mit seiner Frau durch Lappland gewandert, "eine Woche Zelt und Rucksack". Das Paar versucht, sich weitgehend autark zu versorgen, im Garten wachsen Mais, Kartoffeln, Pastinaken, Zucchini. Als der Sohn und die Tochter noch klein waren, hat Wohlleben ihnen regelmäßig Gute-Nacht-Geschichten erzählt "und natürlich immer eine Öko-Botschaft reingepackt". Er sagt, er sei in Jahrzehnten der Angst aufgewachsen. Club of Rome, Waldsterben, Kalter Krieg, tote Flüsse, Tschernobyl. "Ich habe fest geglaubt: Ich sterbe bestimmt nicht an Altersschwäche."

Wohlleben sitzt in Wollsocken in seinem Forsthaus. Wenn er von sich erzählt, klingt er etwas weniger souverän als bei seinen Vorträgen im Wald. Er weiß ja: Jede Zeit und jedes Umfeld prägen ihre Phänotypen. An seinem Gymnasium imponierten ihm "die jungen Lehrer, alles Achtundsechziger". Wohlleben demonstrierte mit Greenpeace und WWF. Sein Abitur machte er mit 1,7. Er versucht, "möglichst wenig Fleisch" zu essen. An den Wänden seines Hauses hängen die Federhaube eines Sioux, eine Perlenkette vom Stamme der Yokut, Armbänder der Crow. Peter Wohlleben hatte schon immer ein Herz für die Indianer.

Florian von Schilcher tendiert eher zum Cowboy. Er führt die Dietramszeller Schützen an. Kürzlich war er in Uganda auf Antilopenjagd. An den Wänden seines Hauses verkeilen sich fast die Geweihe. Die Angst vor dem Waldsterben hielt er schon vor drei Jahrzehnten für übertrieben.

Im Wald geht es nicht so romantisch zu, wie die Illustrierte "Landlust" vermuten lässt

Wenn Schilcher sein Leben zusammenfassen soll, schürt er erst einmal den Kamin und schickt dann fast jeder Anekdote ein sattes Lachen hinterher. Seine Kindheit habe weitgehend aus "Rabaukentum" bestanden: "Wir sind geritten wie die Wahnsinnigen. Mit 14 war ich im Auto unterwegs, ohne Führerschein." Ein "katastrophaler Schüler" sei er gewesen, sagt Schilcher, sieben Mal habe er die Schule gewechselt. Schilcher jobbte in der Menschenaffenstation des Berliner Zoos, machte nachträglich Abitur, heiratete eine Brasilianerin, studierte Biologie in Edinburgh und schrieb seine Doktorarbeit über das Sexualleben der Fruchtfliegen. Jahrelang ließ er in seinem Haus die ZDF-Serie Forsthaus Falkenau drehen, kleiner Nebenerwerb, großer Spaß. Pausenlos toben drei Hunde über seinen Schoß. In seiner Küche liegt Weber’s Grillbibel. Im Kamin knackt leise das Holz, Schilcher legt ein paar Scheite nach. Zwischen Dietramszell und Hümmel, auf den fünfhundert Kilometern zwischen den beiden Männern, geht es um viel mehr als um den Wald. Um mehr auch als um Ökologie und Ökonomie oder einen Generationenkonflikt.

Es geht um die Lebenseinstellung, alles richtig machen zu wollen wie Wohlleben – und es nicht jedem recht machen zu müssen wie Schilcher. Es geht um verschiedene Männerrollen. Und um den ewigen Widerstreit zwischen Stadt und Land.

Als Florian von Schilcher sich für dieses Dossier fotografieren lässt, setzt er sich so breitbeinig vor seine Jagdtrophäen wie ein Fußballspieler auf einem Mannschaftsfoto. Peter Wohlleben schlägt seine Beine talkshowtauglich übereinander.

Seit 25 Jahren pflegt Peter Wohlleben den Wald von Hümmel, sagt aber selbst, er sei "städtisch sozialisiert". Einfamilienhausjahre bei Bonn, Vater im Bundesfinanzministerium, politische Grundsatzgespräche beim Abendbrot. Hoher Theorie- und Moralanteil in allen Debatten. Von der Stadt aus betrachtet, wirkt die Landbevölkerung da manchmal korrumpiert von eigenen wirtschaftlichen Interessen. Wie könnte jemand, der in der Masttierhaltung arbeitet, gegen Masttierhaltung sein?

Florian von Schilcher findet dieses Denken "bigott". Jenseits der Städte gehe es nun mal nicht so maiglöckchenhaft zu, wie die Landlust am Bahnhofskiosk das vermuten lasse. "Je intensiver die Verstädterung, desto stärker die Verklärung der Natur", sagt Schilcher. In Wahrheit sei es doch so: Die Landbevölkerung macht sich für die Städter die Hände schmutzig. Säen und mähen, mästen und schlachten. "Und was ist der Dank?"

Irgendwie gattungsgerecht hat sich Peter Wohlleben vor ein paar Jahren einen Burn-out eingefangen. Und Florian von Schilcher zofft sich ständig mit irgendwelchen Leuten, die ihm Vorschriften machen wollen. Beamten, Ökos, Linken.

Waldbestattungen liegen im Trend

Vor zwei Jahren erlangte Schilcher im Zuge einer seiner Dauerfehden sogar bayernweit Bekanntheit. Es ging um eine Bronzebüste Paul von Hindenburgs. Sie hing am Dietramszeller Kloster. In Zeiten der Weimarer Republik hatte der alte Reichspräsident viele Sommer bei den Schilchers verbracht und ihnen dabei ziemlich auf der Tasche gelegen. Ein kleiner Makel, verglichen damit, dass er Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannte. Fast ein Jahrhundert später wollte halb Dietramszell die Büste loswerden. Schilcher nannte das "grotesk". Hindenburg sei nicht Hitler. Und er gehöre zur Geschichte des Ortes. Lokalzeitungen berichteten vom "Hindenburg-Hitler-Eklat". Irgendwann schraubte ein Aktionskünstler die Büste vom Kloster und legte sie in Schilchers Garten. Der trug sie in den Keller seines Hauses, in die Waffenkammer. Da liegt sie wie ein noch nicht entschärfter Weltkriegs-Blindgänger.

Einige halten Schilcher seit der Nummer für einen Revanchisten. Er selbst findet, er habe nur etwas geradegerückt.

Es hat noch einmal geschneit, vielleicht zum letzten Mal in diesem Winter, da stapft Peter Wohlleben mit einer älteren Dame durch seinen froststarren Forst. Als er am Waldrand sein Auto abstellte, bat ihn ein Spaziergänger um ein Autogramm. Das kommt öfter vor. Wohllebens Wald ist zur Pilgerstätte geworden.

In dem Vierteljahrhundert, das er bislang im Hümmeler Forst verbrachte, hat Wohlleben 15 Prozent des Waldes sich selbst überlassen, damit Baumeltern und -kinder unbehelligt wachsen können. Dass seine Arbeit der Gemeinde trotzdem Gewinn einträgt, hat einen anderen Grund: Er verkauft Grabplätze, Wohlleben nennt sie "Ruhebiotope". Waldbestattungen liegen im Trend. Die deutsche Verbundenheit zum Wald hält ewig. Seit Wohlleben vor dreizehn Jahren seinen Ruheforst eröffnete, wurden hier 3400 Menschen beigesetzt, immer kreisförmig um die Baumstämme herum, in biologisch abbaubaren Urnen.

Schilcher exportiert Holz. Wohlleben importiert Tote. Vornehmlich aus dem Raum Köln/Bonn. Aber die Sache wird immer größer, inzwischen wollen sich ganze Freundeskreise, über die Welt verstreut, beim Bestseller-Förster begraben lassen. Die New York Times war da. Wohlleben hat sein Buch an Verlage in 25 Ländern verkauft, es erscheint jetzt auch in Kanada, Korea und Taiwan. Sieht so aus, als wachse das personifizierte Waldgewissen zum Weltgewissen.

An diesem Tag führt Wohlleben Eleonore Rottscheid-Zölliken, 75, von Stamm zu Stamm. Frau Rottscheid-Zölliken trägt ihr graues Haar zum Zopf gebunden. Sie lässt nicht unerwähnt, dass sie einen Tierschutzverein namens Vier Pfoten unterstütze, sich für altes Saatgut interessiere und Das geheime Leben der Bäume gelesen habe. Jetzt will sie ein Baumgrab für sich und ihren Mann reservieren.

"Wir sind keine Menschen für ein Reihengrab", sagt Frau Rottscheid-Zölliken, etwas atemlos. Die Steigungen. Außerdem steht eine Entscheidung fürs Leben an. Mehr noch.

"Wollen Sie’s eher schattig oder sonnig?", fragt Wohlleben.

"Gern etwas versteckt", sagt sie.

"Spielt die Baumart eine Rolle?"

"Ich weiß nicht, was Sie so im Angebot haben."

"Dann wollen wir mal sehen."

Aus der Seitentasche seiner Trekkinghose zieht Wohlleben einen Tablet-Computer. Auf dem Schirm glimmt eine Landkarte mit Hunderten Punkten auf. Gelb steht für Eichen. Rot für Douglasien. Grün für Buchen. Grau für vergeben. Grau überwiegt.

Nach einer halben Stunde Für und Wider steht Eleonore Rottscheid-Zölliken zwischen Baum 4243 und Baum 4249 und haucht Atemwolken in den Wald. 4243 ist eine große, gerade Buche. 4249 ein krummes, krüppeliges Etwas.

"Viele würden den schlanken Geraden nehmen", sagt Wohlleben.

"Aber ich will den Kleinen", sagt Frau Rottscheid-Zölliken. "Wenn’s ’ne Katze wäre, die schielt, würde ich die doch auch nehmen."

Wohlleben tippt auf seinem Tablet, der nächste grüne Punkt wird grau. In wenigen Tagen wird Frau Rottscheid-Zölliken für den Preis von 2.990 Euro "Beisetzungsberechtigte" an Baum 4249 sein und irgendwann Teil eines Reservats werden, auch biologisch.

Peter Wohlleben hat mit diesem Geschäft wieder ein Stück Wald für die nächsten 99 Jahre geschützt. Vor der Holzlobby, vor allen Schilchers und Pfeifers, auch vor allen möglichen Nachfolgern, die in ferner Zukunft seinen Wald übernehmen werden und anderen Ideen und Idealen folgen könnten.

In Wohllebens Forsthaus, auf dem hölzernen Esstisch, liegt seit einigen Wochen ein Laptop, eine kleine, silberne Gedankenschatzkiste. Wann immer Wohlleben Zeit findet, klappt er sie auf und schreibt an seinem nächsten Buch. Es soll Das Seelenleben der Tiere heißen und im Juni erscheinen. Gut möglich, dass Peter Wohlleben dann auf den Bestsellerlisten gegen sich selbst antritt. Sein altes Buch steht dort immer noch auf Platz eins. Es verändert das Land und die Leute, in der Mitte und an den Rändern, auch die zwei Männer aus dieser Reportage.

Florian von Schilcher in Dietramszell überlegt, ob er nicht auch einen Friedhofswald anlegen sollte. Man muss mit der Zeit gehen; der Belagerungsring der politisch Korrekten schließt sich immer enger. Ganz am Ende erwähnt er, dass es da mal "eine kapitale Tanne" gab, die er als Kind verehrte und die im Wald der Familie eines natürlichen Todes starb.

Und Peter Wohlleben in Hümmel spürt, dass er sich Satz für Satz, den er in seinen Laptop tippt, immer tiefer in ein Dilemma schreibt. "Ich muss zugeben", sagt er, "auch wenn ich eine Kartoffel esse, töte ich Lebewesen."

Ob er da je wieder rauskommt?

Von dem Geld, das Wohlleben mit seinem Bestseller verdient hat, möchte er sein altes Forsthaus renovieren. Die Wände dämmen, Solarzellen aufs Dach.

Bislang heizt Peter Wohlleben mit Holz. Er verbraucht jährlich nicht 1,06 Kubikmeter wie der Durchschnittsdeutsche. Er verfeuert zehn.