Wann immer Peter Wohlleben eine Exkursion durch seinen Wald führt, zu seinem bestsellerbekannten Baumstumpf und tief in einen 4.000 Jahre alten Buchenhain, hoch und schön wie eine Kathedrale, dann sagt er: "So sah es früher fast überall im Land aus." Bevor Köhler, Bergleute und Schiffsbauer im 17. Jahrhundert Europa weitgehend abgeholzt hatten, war das, was heute Deutschland heißt, größtenteils von Buchenwald bedeckt. Bis heute rätseln Sprachforscher, ob die Wörter "Buch" und "Buchstabe" daher rühren, dass die Germanen ihre Runen ins harte Holz der Buche ritzten.

Der Buchenfreund wird als "Pflanzenfascho" beschimpft

Wohlleben fragt sich: Warum nicht wachsen lassen, was heimisch ist? Die Fichte ist eine Importpflanze, nach jener selbst gemachten großen Holznot aus Sibirien, den Alpen und den Hochlagen der Mittelgebirge herbeigeschafft. Wohlleben nennt sie einen "Baum für Faule". Fichten wachsen nicht zum Licht, sondern kerzengerade gegen die Erdanziehungskraft, schnell und passgenau ins Sägewerk hinein. Trotzdem, findet Wohlleben, täuschten sie Wirtschaftlichkeit nur vor: In heißen Sommern würden sie von Käfern zerfressen. Und komme ein Sturm, kippten sie um. Flachwurzler eben. Die Buche dagegen? Wurzle tief und öffne ihre Krone wie einen Fächer, um jeden Tropfen Regen einzufangen. "Welcher Baum wird die Erderwärmung wohl besser verkraften?"

Trägt man dieses Argument zu Schilcher, sagt der: Schon komisch, dass sich ausgerechnet ein Öko-Autor gegen die Idee der Nachhaltigkeit ausspreche. Hans Carl von Carlowitz, adlig wie Schilcher, hatte 1713 in einem Manifest namens Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht erstmals postuliert, dass stets so viel Holz nachwachsen muss, wie geschlagen wird. Je schneller gefällt werde, desto schneller müsse also nachwachsen. "Daran halte ich mich", sagt Schilcher. Im Übrigen habe er sein Leben damit verbracht, einen Mischwald zu pflegen: 70 Prozent Nadelholz, gestützt von 30 Prozent Laubbäumen – als "Beimischung". Wenn jemand eine Monokultur wolle, dann doch dieser Buch- und Buchenautor aus der Eifel. Es gibt Menschen, die Wohlleben aus dem Versteck der Anonymität heraus einen "Baumrassisten" und "Pflanzenfascho" nennen, der nichts als die Buche gelten lasse.

Läuft man zurück zu Wohlleben, sagt der, dass er Mischwäldern tatsächlich misstraue. Was aussehe wie der Wille der Natur, seien "Baumäcker", gepflanzt nach dem Bedarf der Märkte.

Es ist paradox: Je tiefer man sich in den Wald hineinbegibt, desto weniger Mythos findet sich dort. Stattdessen Streit um Fachbegriffe wie "Altbestockung", "Derbholz" oder "Vorratsfestmeter". Wer Schilchers und Wohllebens Argumenten wie Pfaden folgt, steht bald in einem Dickicht sich widersprechender Aussagen.

Wenig überraschend, ist in Deutschland sogar der Wald vermessen. Eine "Bundeswaldinventur" des Landwirtschaftsministeriums hat ergeben: Ein Drittel der Fläche Deutschlands ist bewaldet, am dichtesten Hessen und Rheinland-Pfalz, am lichtesten Schleswig-Holstein. Ein Viertel der Waldfläche nehmen Fichten ein, gefolgt von Kiefern, dann kommt die Buche. Fast die Hälfte des Waldes gehört Privatleuten wie Schilcher. Nur zwei Prozent sind "ungenutzt". Ein deutscher Baum ist im Durchschnitt 77 Jahre alt. Und in den vergangenen zehn Jahren hat der Wald um 0,4 Prozentpunkte an Fläche gewonnen.

Für Florian von Schilcher in Dietramszell der Beleg, dass alles gut ist.

"Na ja", sagt Peter Wohlleben in der Eifel: "Dafür müsste man die genaue Definition von Wald kennen."

So geht es hin und her. Nicht nur zwischen Wohlleben und Schilcher. Sondern auch zwischen dem Bundesamt für Naturschutz, das mehr "natürliche Waldentwicklung" möchte, und dem Deutschen Energieholz- und Pellet-Verband, der schnell viel frisches Holz braucht. Die Initiative Furnier + Natur ist wiederum eher auf dicke Stämme aus. Dann gibt es noch den Bundesverband Deutscher Fertigbau, den Verband der Deutschen Parkettindustrie, den Verband der Deutschen Zulieferindustrie für das Bestattungsgewerbe und immer so weiter.

Längst ist der Holzmarkt globalisiert. Die Chinesen forsten auf, um dem Exportweltmeister Russland Konkurrenz zu machen. Die Brasilianer roden ihren Urwald. Skandinavien versorgt die Welt mit Papier. Frachter fahren Stämme, Späne, Sägemehl über die Ozeane, täglich steigen oder fallen die Preise. Die deutsche Holzwirtschaft, heute "Cluster Forst & Holz" genannt, macht 180 Milliarden Euro Umsatz jährlich und beschäftigt eine Million Menschen; allerdings haben die Lobbyisten da nicht nur Holzfäller und Möbelschreiner mitgezählt, sondern auch Angestellte im Papier- und Druckereigewerbe. Fast jeder Unterverband hält sich ein scheinobjektives Forschungsinstitut oder sponsert gleich eine Hochschule, weshalb jede Zahl, die nicht die eigene ist, angezweifelt wird.