Ich bilde mich fort. In einem Raum ohne Fenster und voller Menschen. Der Mann, der die Fortbildung leitet, sagt: "Eure challenge ist es, den unique selling point zu finden." Der Mann hat wenig Haare und viel Oberkörper. Er sieht aus wie ein Fitnesstrainer. "Brand awareness ist ein fight. Da müsst ihr vorn sein, den latest shit kennen." Er klingt auch wie ein Fitnesstrainer.

Und ein bisschen wie mein Freund Daniel.

Daniel war Einserschüler und Rennradfahrer. Immer vorn. Für seine Aufsätze erhielt er Preise. Für seine Rennen erhielt er Medaillen. Auf der Strecke verausgabte er sich, hinter der Ziellinie übergab er sich. In eine Tüte, die seine Mutter hielt. "Wie hältst du das durch?", fragte ich. "Ich konzentriere mich nur auf mich", sagte Daniel.

Dann kam das Landschulheim. Wir betraten als Kinder einzeln die Jugendherberge und kamen als jugendliche Pärchen heraus. Daniel nicht. Er hatte niemanden. "Ich konzentriere mich nur auf mich", sagte er.

Das letzte Mal ganz vorn war ich im Salon eines Berliner Friseurs. Vor zwanzig Jahren. Der Friseur war so erfolglos, dass er cool war und deshalb Stammgast im Berghain. Meine Haare: an den Seiten raspelkurz, oben lang. "The latest shit", sagte der Friseur. "Hitlerjugend", sagten meine Freunde. "Prollig", sagte meine Freundin. Ich versuchte mich auf mich selbst zu konzentrieren. Ein paar Tage. Dann rasierte ich mir den Kopf.

Nach der Fortbildung gingen wir feiern. Der Leiter blieb im Hotel, um zu arbeiten.Ganz vorn zu sein ist meist ein fight. Und manchmal nur shit. Ob Daniel jemanden hat, der ihm heute die Tüte hält?